Gesundheitsminister Haupt läßt Kaliumjodidtabletten zur flächendeckenden Versorgung der Bevölkerung bestellen Bei Kernkraftwerksunfällen spielt radioaktives Jod eine dominierende Rolle. Kaliumjodidtabletten, zeitgerecht eingenommen, können die Aufnahme von radioaktivem Jod in die Schilddrüse wirkungsvoll blockieren und so Schilddrüsenkrebs vorbeugen, erklärte Gesundheitsminister Herbert Haupt am 16. 1. 2002 zum Ankauf neuer Kaliumjodidtabletten durch das Ministerium.
Besonders Kinder und Jugendliche sind nach den Erfahrungen, die man nach der Katastrophe in Tschernobyl gemacht hat, durch Radiojod gefährdet. Den Kernkraftbefürwortern, vor allem jenen von Temelin, empfahl Haupt den Besuch einer weißrussischen Kinderkrebsstation Dann werde klar, warum Österreich über ein umfassendes Bevorratungskonzept mit Kaliumjodtabletten verfüge.
AKWs: Mehr Krebs bei Kindern
Die Studie wurde am 11. 7. 2001 in Kassel vom Umweltinstitut München und der Organisation IPPNW, einer Vereinigung internationaler Ärzte, präsentiert. Die neuen Zahlen könne man bestätigen, erklärte Thomas Jung vom westdeutschen Bundesamt für Strahlenschutz. Zwar seien die Zusammenhänge nicht klar bewiesen, die Daten gäben aber Anlaß, "das Krankheitsgeschehen um Atomkraftwerke weiter intensiv zu beobachten".
Vertreter der IPPNW, des Umweltinstituts und des Bundesamtes hatten sich getroffen, um die unterschiedliche Bewertung der Ergebnisse von Studien zum Auftreten von Kinderkrebs in der Umgebung bayerischer Atomkraftwerke zu diskutieren.
"Die Befunde sind sehr besorgniserregend", kommentierte die IPPNW-Vorsitzende Angelika Claußen. In der Nähe einiger deutscher Atomkraftwerke wie Gundremmingen in Bayern gebe es besonders hohe Krebsfallzahlen bei Kindern. Und dies gelte auch für die Anlage Krümmel bei Hamburg. Dies hätten ältere Studien bereits gezeigt. So gebe es eine um 53 Prozent gegenüber dem Durchschnittswert erhöhte Krebsrate bei Kindern unter fünf Jahren, welche innerhalb eines Radius von fünf Kilometern um ein Atomkraftwerk wohnen.
"Die besonders belastenden Kernkraftwerke müßten zur Sicherheit vorübergehend abgeschaltet werden", erklärte Claußen. Die Politik müsse zudem handeln und eine Beweislastumkehr durchsetzen. Danach müßten die Kraftwerksbetreiber und nicht die Anwohner beweisen, dass die erhöhten Kinderkrebsraten nicht auf die Emissionen der Atomkraftwerke zurückzuführen sind.
Das Bundesamt für Strahlenschutz, die IPPNW und das Umweltinstitut vereinbarten eine Zusammenarbeit bei weiteren Studien, deren Ergebnisse teilweise bereits im kommenden Jahr vorliegen sollen. Eine genauere, repräsentative "Fallkontrollstudie" ist dagegen auf sieben Jahre angelegt.
Die jetzt diskutierte Studie des Umweltinstituts umfaßt neun Landkreise im Umfeld der drei bayerischen Atomkraftwerke Grundremmingen, Isar und Grafenrheinfeld. Von 1983 bis 1998 wurden dort 362 Krebserkrankungen bei Kindern bis 14 Jahren festgestellt. Die bundesweite Vergleichzahl liegt bei 302. Erhöht waren vor allem die Zahlen von Nierenkrebs und Tumoren im zentralen Nervensystem. Blutkrebs war dagegen nur geringfügig häufiger als in Regionen abseits von Atomkraftwerken, sagte der Leiter der Studie, Alfred Köblein.
Eine frühere Untersuchung des Münchner Umweltinstituts von 1983 bis 1995 hatte für Kinder bis zu vier Jahren sogar eine um 53 Prozent erhöhte Krebsrate ergeben. Die Erhebung und die Art der Auswertung galt jedoch als wissenschaftlich umstritten.
Leukämie bei Wiederaufbereitungsanlagen
Eine große Gefahr stellen auch die Zwischenlager abgebrannter Reaktorstäbe dar. Eine solches soll nahe der Nordgrenze Vorarlbergs im bayrischen Atomkraftwerk Gundremmingen errichtet werden. Leukämie tritt z. B. nachweislich in der Umgebung der Uran - Wiederaufbereitungsanlage La Hague (Frankreich) um ein Vielfaches häufiger auf. Besonders betroffen ist die Altersgruppe der fünf- bis neunjährigen Kinder. Mehr als 400 Atomreaktoren sind rund um den Globus verteilt. Frankreich ist in der Europäischen Union der überzeugteste Atomspalter. Auch im Jahr 2000 war es mit einem Kernenergieanteil von 76 Prozent an der Gesamtstromerzeugung europäischer Spitzenreiter.
Seit Jahrzehnten erforschen Wissenschaftler die gesundheitlichen Auswirkungen erhöhten Radioaktivität auf Menschen, die in der Nähe von Kernkraftwerken, Atommüll-Lagern oder entsprechenden Wiederaufbereitungsanlagen leben oder in diesen arbeiten. In der Region von Nord Contentin in der Normandie ist die Konzentration nuklearer Einrichtung besonders hoch. In Abständen von jeweils etwa zwanzig Kilometern befinden sich der Militärstützpunkt Cherbourg, der Atom-U-Boote beherbergt, ein Atomkraftwerk, ein Lager für Atommüll und die Uran-Wiederaufbereitungsanlage, La Hague.
In der aktuellen Ausgabe des European Journal of Epidemiology and Community Health erschien eine Untersuchung, die sich auf das Auftreten von Leukämie-Erkrankungen in der Nähe der französischen Wiederaufbereitungsanlage konzentrierte. Untersucht wurde ein Gebiet im Umkreis von 35 Kilometern von La Hague. Die Wissenschaftler erfassten alle zwischen 1978 und 1998 aufgetretenen Leukämie-Fälle. Dazu kontaktierten sie alle praktischen Ärzte und Kinderärzte sowie die umliegenden Krankenhäuser und beschafften sich die Daten des regionalen Krebsregisters. Das Untersuchungsgebiet unterteilten sie in drei Zonen, die durch ihre Nähe zur Wiederaufbereitungsanlage bestimmt waren.
Mehr Leukämie-Fälle bei Kindern 38 Kinder waren im Untersuchungszeitraum an Leukämie erkrankt: Buben häufiger als Mädchen. War die Erkrankungshäufigkeit im gesamten Untersuchungsgebiet noch unauffällig, so zeigten sich deutliche Unterschiede, sobald die Wissenschaftler nach Zone und Alter differenzierten. Das höchste Erkrankungsrisiko hatten demnach Kinder im Alter zwischen fünf und neun, die in unmittelbarer Nähe der Anlage lebten. Insgesamt waren in dieser Zone drei Kinder an Leukämie erkrankt, zu erwarten wären allerdings nur 0,47 gewesen. Dieser Wert zeigt die durchschnittliche Anzahl an Erkrankungsfällen auf 100.000 Einwohner.
Grenzwert siebenfach überschritten In den vergangenen zwölf Jahren waren bereits mehrere Studien zu dem Schluss gekommen, dass für die Bewohner rund um La Hague ein gesundheitliches Risiko besteht. Die Studie des französischen Forscherteams untermauert das. Grund zur Besorgnis gibt aber nicht nur diese Untersuchung. Eine vom deutschen Bundesumweltminister Jürgen Trittin in Auftrag gegebenen Messung der freigesetzten Radioaktivität der Wiederaufbereitungsanlage La Hague überstieg den für Deutschland festgelegten Grenzwert gleich um das Siebenfache.
[18. Januar 2002]
Proteste nach Inbetriebnahme von Temelin In Oberösterreich fand am 13. Oktober 2000 wieder eine Demonstration gegen das tschechische Atomkraftwerk Temelin statt. Vor der großen Kundgebung um 15.00 Uhr sind mit einem Hubschrauber freiheitliche Spitzenpolitiker eingetroffen, Infrastrukturminister Michael Schmid, Jörg Haider, Ursula Haubner und Hans Achatz. Nach einer kurzen Rede, in der Haider Temelin zur Bewährungsprobe für Europa erklärte, fuhr Haider mit Schmid wieder ab, da eine Wahlkampfveranstaltung in der Steiermark besucht werden mußte.
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Verkehrsminister Schmid und Landeshauptman Haider
bei der Demonstration vom 13. 10. 2000In einer Reaktion auf die Inbetriebnahme des umstrittenen tschechischen Atomkraftwerks Temelin hat Wirtschaftsminister Martin Bartenstein alle Stromimporte aus Tschechien nach Österreich gestoppt. "Da Strom aus einem Drittland genehmigungspflichtig ist, sind wir in der Lage, diese Genehmigung zu verweigern", erklärte Bartenstein im Gespräch mit der "Kronen-Zeitung" von Samstag d. 14. 10. 2000. Seine Entscheidung sei ein Signal an Prag, da Temelin ja nicht für den heimischen Strombedarf, sondern für den Energieexport gedacht sei. Außerdem beschloß auf Initiative der Grünen der parlamentarische Umweltausschuss einen Entschließungsantrag zu Temelin. Darin wird Bartenstein ersucht, in der Frage des Dumping-Verdachts bei tschechischen Stromexporten in den EU-Raum aktiv zu werden. Weiters sollen die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen werden, damit bei einer kommerziellen Inbetriebnahme Temelins Stromimporte aus Tschechien nach Österreich zu untersagen sind. Die Umweltsprecherin der Grünen, Eva Glawischnig erklärte dazu in einer Aussendung: "Eine glaubwürdige österreichische Anti-Atom-Politik muß jetzt alles unternehmen, um den Vollbetrieb von Temelin noch zu verhindern. Dabei ist vor allem wirtschaftlicher Druck eine effiziente Maßnahme." Umweltminister Wilhelm Molterer erklärte, er stehe voll hinter dem Beschluß des Umweltausschusses und werde weiter gegen Temelin kämpfen.
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Protestversammlung gegen Temelin am 13. 10. 2000Rund 7.000 Temelin-Gegner versammelten sich am Nachmittag des 13. Oktober in Wullowitz (Oberösterreich), um gegen das AKW Temelin zu demonstrieren. Die Sperre der Grenze soll noch bis Sonntag andauern. Tschechien hat sich am Nachmittag wegen der Grenzblockaden an die Europäische Union gewandt. Die Demonstranten werden die Genehmigung für die Blockaden bis Sonntag den 15. 10. verlängern lassen. Dann soll mit Feldgottesdiensten die Blockadeaktion abgeschlossen werden. Die FPÖ und die Grünen sowie zahlreiche Gemeinden riefen ebenfalls zur Teilnahme an der Demonstration auf. Erwartet werden zur Kundgebung dann aber auch SPÖ-Umweltsprecherin Ulli Sima und alle Spitzenpolitiker aus Oberösterreich.
Tschechien hat sich am 13. 10. wegen der Grenzblockaden österreichischer AKW-Gegner an der Grenze offiziell an die EU gewandt. Dies teilte ein Sprecher des Außenministeriums der tschechischen Nachrichtenagentur CTK mit. Der stellvertretende Außenminister und Chefverhandler Tschechiens mit der EU, Pavel Telicka, habe am Nachmittag den EU-Botschafter in Prag, Ramiro Cibrian, empfangen und ihm einen Brief des Außenministers Jan Kavan für EU-Erweiterungs-Kommissar Günther Verheugen übergeben. Darin fordere Tschechien die Eröffnung von Konsultationen über die Grenzblockaden, hieß es im "Auf keinen Fall würde ich dies als Beschwerde bezeichnen", meinte der Pressesprecher des Prager Außenministeriums, Ales Pospisil.
Verständnis für die Sorgen der Temelin-Gegner, zugleich aber auch Sorge über die weiteren Beziehungen zu Tschechien äußert unterdessen die Bezirkshauptfrau von Rohrbach (Oberösterreich), Wilbirg Mitterlehner. Der Bezirk kämpfe seit Jahren um neue Grenzübergänge Richtung Tschechien. Jetzt seien die Chancen dafür drastisch gesunken, so Mitterlehner. Auch tschechische Atomgegner haben sich in Brünn gegen die Staraßenblockaden ausgesprochen. Man kann ja auch demonstrieren, ohne den Verkehr zum Erliegen zu bringen, was z. B. in Bayern gezeigt wurde.
Die südböhmische Vereinigung "Mütter gegen Atomgefahren" sowie andere Umweltorganisationen machen jetzt in Tschechien mit Paragraphen gegen das umstrittene Kernkraftwerk Temelin mobil. Sie wollen die Einstellung des Betriebes in Temelin gerichtlich erzwingen.
[13. Oktober 2000]
Protest gegen Temelin in Oberösterreich Am 2. September kam es zu massiven Demonstrationen und einer vorübergehenden Blockade der derzeitigen Grenzübergänge von Oberösterreich in die Tschechei. Damit sollte gegen die Inbetriebnahme des tschechischen Atomkraftwerkes Temelin protestiert werden.
Stellvertretend für viele Politiker und Organisationen rief Landeshauptmann Josef Pühringer die Bevölkerung auf, an der heutigen Grenzdemonstration gegen Temelin teilzunehmen. Wer ins Haus Europa wolle, müsse sich an die Hausordnung halten, so Pühringer wörtlich an die Adresse Tschechiens. Pühringer sprach im Bezug auf Ministerpräsident Zemans Ignorierung der Österreichischen Proteste von "ungeheurer Arroganz". SPÖ Klubobmann Karl Frais sprach von einer Ohrfeige Zemans für Bundeskanzler Schüssel, die Osterweiterung der EU scheine ernstlich gefährdet. FPÖ Landesrätin Haubner sagte, auf Zemans Vorgangsweise müsse mit einem EU Veto geantwortet werden. Der Grüne Klubobmann Rudi Anschober hofft, dass Tschechien endlich auch den wirtschaftlichen Unsinn Temelins einsieht.
Reaktionen der Politiker vor Ort Mit dabei waren auch Oberösterreichs Spitzen-Politiker:
Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) "Die Art und Weise, wie Tschechien derzeit mit uns in der Frage Temelin umgeht, entspricht nicht den Grundregeln der guten Nachbarschaft. Und ich sage daher in aller Klarheit - Wer in das gemeinsame Haus Europa will, der muss die Hausordnung einhalten: 'Gehe mit deinen Nachbarn so um, wie du erwartest, dass sie mit dir umgehen.'"
Umweltlandesrätin Ursula Haubner (FPÖ): "In einem Europa, das immer näher zusammenrückt, kann es nicht sein, dass Nachbarn keine Anrainer-Rechte und keine Nachbarschaftsrechte haben. Und ich sage auch ganz klar: Wenn Temelin in Betrieb geht und sämtliche Umweltverträglichkeits-Prüfungsverfahren sind nicht abgeschlossen, wenn Temelin in Betrieb geht und es ist nicht bestätigt, wie der Sicherheitsstandard ist - ob er dem aktuellen Stand entspricht - und wenn Temelin in Betrieb klärt, und es ist nicht geklärt, ob die zu erwartenden Dumping-Exporte den EU-Richtlinien entsprechen oder widersprechen, dann sage ich hier ganz klar: Dann kann es keine Zustimmung zum Energiekapitel geben - bei den Beitrittsverhandlungen - und somit auch keine Zustimmung seitens Österreichs zum Beitritt zur EU."
Rudi Anschober (Grüne) "Wir müssen diesen Druck weiter verstärken, denn direkt in unserer Nachbarschaft geschieht ein Skandal. Denn es ist ein Skandal, dass man ohne Klärung der Sicherheitsfragen ein Hoch-Risiko-AKW in unmittelbarer Nachbarschaft, ohne Mitsprachemöglichkeit der Bürger und Bürgerinnen dieses Landes und auch der tschechischen Bürger und Bürgerinnen, errichten will und in Kürze in Betrieb nehmen will."
Gesundheitslandesrätin Silvia Stöger (SPÖ) "Temelin war von Anfang an eine einzige Pannenserie. Wenn Temelin in Betrieb geht, müssen wir das Schlimmste befürchten, und daher meine klare Forderung: Temelin darf nicht in Betrieb gehen, Temelin darf nicht ans Netz gehen."
Gleichzeitig wurde auch an den Grenzübergängen in Niederösterreich protestiert. Es wurden aber nur Flugzettel an die Autofahrer verteilt und keine Übergänge blockiert.
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Protest gegen das tschechische Atomkraftwerk Temelin am derzeitigen Grenzübergang Wullowitz (Oberösterreich)[2. September 2000]