Kulturschaffende nehmen Stellung gegen US-Aggressionspläne

Der Philosoph Jürgen Habermas wandte sich in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 24. 1. 2003 scharf gegen die Äußerung von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, Frankreich und Deutschland stellten in ihrer Ablehnung eines Krieges "ein Problem" dar und bildeten das "alte Europa". Dies sei eine "merkwürdige Verkehrung der Fronten", schrieb Habermas.

Rumsfeld selbst verantworte eine Sicherheitsdoktrin, "die völkerrechtlichen Grundsätzen spottet", schreibt Habermas. Er kritisiere in Europa die "preisgegebenen eigenen Ideale" der politischen Aufklärung, aus deren Geist die Menschenrechtspolitik der Vereinten Nationen hervorgegangen sei. Habermas spricht von Idealen, die "heute in Europa eher Anhang zu finden scheinen als in der ziemlich alt aussehenden Neuen Welt".

An gleicher Stelle schreibt der französische Philosoph Jacques Derrida, er habe Rumsfelds Äußerung als "schockierend, skandalös und bezeichnend" empfunden. Sie belege unfreiwillig, "wie dringlich die Aufgabe der europäischen Einigung ist."

Die Länder Europas müssen nach Ansicht des Schriftstellers Martin Walser gemeinsam die USA dazu bringen, von ihren Kriegsplänen gegen den Irak abzurücken. "Wenn Europa es nicht schafft, den Machtausübungsanspruch Amerikas zu bremsen, dann heißt das, daß Europa eine Illusion ist", sagte Walser in einem Interview mit dem "Mannheimer Morgen" vom 18. 1. 2003. Den "Kriegsführungswillen Amerikas" nannte er "historisch verhängnisvoll". Europa könne "zum ersten Mal politisch handeln", betonte Walser in dem Interview.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hatte seinerseits den USA und ihren Verbündeten im Irak-Konflikt "Heuchelei" und "Hybris" vorgeworfen. «Dieser drohende Krieg ist gewollt», schrieb Grass am 16. 1. 2003 in einem Exklusiv-Beitrag für die Deutsche Presse-Agentur. «Es geht wiederum ums Öl.» Seine Erfahrung sage ihm, «daß diesem gewollten Krieg weitere Kriege aus gleichem Antrieb folgen werden», warnte Grass (75). 

Er hoffe, «daß die Bürger und die Regierung meines Landes unter Beweis stellen werden, daß wir Deutschen aus selbstverschuldeten Kriegen gelernt haben und deshalb Nein sagen zu dem fortwirkenden Wahnsinn, Krieg genannt».

Nach Einschätzung von Grass geht es bei dem Truppenaufmarsch am Persischen Golf nicht um eine bloße Drohgebärde gegen «einen von zwei Dutzend weltweit herrschenden Diktatoren». Vielmehr finde der gewollte Krieg in planenden Köpfen, auf den Börsen aller Kontinente, in «wie vordatierten Fernsehprogrammen» bereits statt, schrieb Grass.

«Der Feind als Zielobjekt ist erkannt, benannt und eignet sich, neben anderen noch zu erkennenden und benennenden Feinden auf Vorrat, für die Beschwörung einer Gefahr, die alle Bedenken nivelliert. Wir kennen die Machart, nach der man sich einen Feind, sollte er fehlen, erfindet.» Bekannt sei «gleichfalls jene bildgesättigte Spielart des Krieges, nach der zielgenau daneben getroffen wird». Grass kritisierte auch die westliche Sicht, «nur die relativ wenigen Toten der herrschenden Weltmacht» zu zählen, «während die Masse der toten Feinde samt deren Frauen und Kindern ungezählt bleibt und keiner Trauer wert ist».

Ohne den Golfkrieg von 1991 direkt zu erwähnen, prangerte der Nobelpreisträger die moderne Kriegsberichterstattung in den Medien an. «Weil wir seine vom detaillierten Schrecken gesäuberte Bilderflut kennen und auch die Fernsehrechte an den uns bekannten Sender der drei abkürzenden Buchstaben vergeben sind, erwarten wir eine Fortsetzung des Krieges als Seifenoper, unterbrochen nur von Werbespots für friedliche Konsumenten.»

Der Nobelpreisträger erinnerte daran, dass der Westen Saddam Hussein im Krieg gegen Iran (1980-1988) noch unterstützt hatte und dieser nun als Diktator geächtet werde. Daß Saddam Hussein derzeit über Massenvernichtungsmittel verfüge, sei nicht bewiesen, meinte Grass. Die offizielle Zielsetzung der USA, nach einem Sieg über Saddam Hussein im Irak Demokratie einzuführen, wirkt für den Schriftsteller nicht überzeugend. Denn die Nachbarstaaten Saudi-Arabien und Kuwait, die dem Westen verbündet sind und ihm als militärische Aufmarschbasis dienen, würden gleichfalls «diktatorisch beherrscht». «Sollen diese Länder Ziel der nächsten demokratiefördernden Kriege sein?»

«Ich weiß, diese Fragen sind müßig; die Arroganz der Weltmacht gibt Antwort auf jede», fährt Grass fort. Das Herrschaftsgefüge zeige sich jetzt «nackt». «Schamlos stellt es sich dar und gemeingefährlich in seiner Hybris. Der gegenwärtige Präsident der USA gibt dieser Gemeingefährlichkeit Ausdruck.»

Grass äußerte Sorge, «ob die Vereinten Nationen standhaft genug sind, dem geballten Machtwillen der Vereinigten Staaten von Amerika zu widerstehen».

Der griechische Autor und Parlamentspräsident Apostolos Kaklamanis hatte an die vier EU-Staaten im UNO-Sicherheitsrat appelliert, entschiedenen Widerstand gegen einen Irak-Krieg zu leisten. Denn in dieser Frage gehe es auch um die Glaubwürdigkeit der Europäischen Union in den Augen ihrer Bürger, betonte der Sozialist, dessen Land gegenwärtig den Vorsitz in der EU führt. Wenn ihnen an der "fundamentalen Glaubwürdigkeit Europas in den Augen seiner Bürger" gelegen sei, müssten diese Länder im höchsten Gremium der Vereinten Nationen "Nein zu einem Irak-Krieg" sagen, unterstrich Kaklamanis. Dem Weltsicherheitsrat in New York gehören derzeit neben den ständigen Mitgliedern und Vetomächten Frankreich und Großbritannien (das sich als engster Verbündeter der USA versteht) auch zwei weitere EU-Staaten als nichtständige Mitglieder an: Spanien und Deutschland.

Eine Friedensdelegation um den Liedermacher Konstantin Wecker ist am 15. 1. 2003 von einer zehntägigen Reise aus dem Irak zurückgekehrt. Wecker stieg bei einem außerplanmäßigen Zwischenstopp in München aus, wie der Vorsitzende der Tübinger Gesellschaft Kultur des Friedens, Henning Zierock, nach seiner Landung am Frankfurter Flughafen mitteilte. Die elfköpfige Gruppe - darunter Künstler, Wissenschaftler und Ärzte - wollte bei ihrem Besuch in Bagdad «ein Zeichen gegen Kriegsgefahr und Embargo» setzen und für den Frieden werben.

Wecker hatte sich zum Ende seiner Friedensreise in den Irak tief bewegt gezeigt. «Ich werde mein Leben anders gewichten und noch mehr Zeit dafür verwenden, anderen zu helfen», sagte der 55-Jährige der «Zeit». Es sei ihm wichtig gewesen zu spüren, «wie aus Zahlen Menschen und aus Statistiken Gesichter werden».

Die Gruppe traf irakische Musiker, besuchte Krankenhäuser und Ausbildungsstätten. Nach Angaben Zierocks zeigten die Gespräche, dass die Menschen im Irak ein Interesse daran hätten, daß ihr Land sich an die Auflagen der Vereinten Nationen hält. Sie hätten aber Angst, dass ein Krieg unausweichlich sei, sollten die Inspekteure Waffen finden, meinte Zierock.

Zusammen mit Musikern aus dem Irak hatte der Liedermacher Wecker im Rahmen der Friedensreise am 13. 1. in Bagdad ein Konzert gegeben. Am Nachmittag des 15. 1. brach eine weitere Friedensdelegation von Frankfurt aus nach Bagdad auf. Neun Mitglieder der «Initiative gegen das Irakembargo in Deutschland» wollen sich eine Woche lang ein Bild von der Lage in der die Krisenregion machen.

[21. Januar 2003] 

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