Alemannischer Literaturpreis für Martin Walser Der bei Überlingen am Bodensee lebende Schriftsteller Martin Walser ist am 2. 6. 2002 in Waldshut-Tiengen (Baden - Württemberg) mit dem Alemannischen Literaturpreis 2002 ausgezeichnet worden. Damit sollten vor allem Walsers heimatkundliche Werke gewürdigt werden. Anlaß für die alle drei Jahre verliehene, mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung war Walsers 75. Geburtstag im März. Der Freiburger Schriftsteller Karl-Heinz Ott lobte Walser in seiner Laudatio als hervorragenden Autor lebendiger Essays, sowie als poetischen Chronisten und brillanten Epiker.
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Martin Walser (l.) bei Entgegennahme des Alemannischen Literaturpreises am 2. Juni 2002Die Preisverleihung stand unter dem Eindruck der Auseinandersetzungen um Walsers neuen Roman "Tod_eines_Kritikers". Walser sagte: "Ich kann den Haß, der mir derzeit entgegenschlägt, absolut nicht nachvollziehen".
Im Anschluß an die Preisverleihung wurde mit Walser eine Podiumsdiskussion veranstaltet. Dabei erklärte Walser, die Attacken und Boykottdrohungen der Allmächtigen des deutschen Literaturbetriebes gegen ihn seien genau das, was er in seinem neuen Buch "Der Tod eines Kritikers" angeprangert habe. Walser sieht auch keinerlei Verbindung zwischen dem Streit um seinen neuen Roman und der aktuellen Antisemitismus-Debatte in Deutschland. "Mit mir hat diese Debatte nichts zu tun, sagte Walser. Sein Roman "Tod eines Kritikers" habe einen langen biografischen Hintergrund und sei nicht auf die jüngsten politischen Auseinandersetzungen um Jürgen Möllemann und Michel Friedman zu übertragen.
Dem Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, warf Walser den Bruch jeder Regel und Willkür vor: "Es ist die unfairste Aktion, die ich in Jahrzehnten erlebt habe - und ich weiß keinen Grund!" Besonders die Behauptung Schirrmachers, Walsers Erwähnung von "Herabsetzungslust" und "Verneinungskraft" sei Antisemitismus zeige, daß Schirrmacher selbst in antisemitischen Klischees denke. Schirrmacher hatte in einem Offenen Brief Walsers Roman als "Dokument des Hasses" und "Mordphantasie" bezeichnet, die mit dem "Repertoire antisemitischer Klischees" spiele". Die FAZ hat es abgelehnt, das Werk vorab zu drucken.
Sein Buch wende sich, wie Walser erneut betonte, gegen Machtausübung im Literaturbetrieb, "und was passiert: Machtausübung im Literaturbetrieb". Auf die Frage, ob sein Buch nach den Vorwürfen Schirrmachers nur noch aus der Perspektive antisemitisch oder nicht antisemitisch gelesen werde, sagte Walser: "Wenn dies die Folge sein sollte, dann hat Schirrmacher das literarische Klima in dieser Republik für einige Zeit verdorben." Mein Roman handelt vor allem davon, wie Macht in der Welt der Literatur ausgeübt wird. Schirrmacher hat mein Thema bestätigt", sagte Walser. "Wir haben eine Regel, daß man nicht öffentlich über ein Buch schreibt, das noch nicht veröffentlicht ist. Er hat diese Regel gebrochen und mit seinem Vorwurf gerechtfertigt, es sei ein antisemitisches Thema", erklärte der Autor. "Aber das ist antisemitisches Denken von Schirrmacher." Reich-Ranicki hatte schon vor dem aktuellen Streit immer wieder Zweifel an Walsers literarischem Vermögen geäußert, besonders seit der Rede in der Paulskirche von 1998 (Instrumentalisierung des Holocausts...).
Walser ließ es offen, ob er gegen Schirrmacher wegen dessen Vorwürfen juristisch vorgehen werde. Er müsse sich darüber noch mit einem Rechtsanwalt beraten. Der Schriftsteller will dem FAZ- Herausgeber auch nicht schreiben oder in einem Offenen Brief antworten. "Der kann mir doch nicht mehr die Hand geben", meinte Walser über Schirrmacher. Ein gewisses Verständnis hätte er, Walser, gehabt, falls die FAZ angesichts der Kritik am Literaturbetrieb und der engen Beziehungen zum Kritiker Marcel Reich-Ranicki auf den Abdruck seines neuen Romans verzichtet hätte, "aber bitte nicht mit solch einer Aktion".
In der Debatte um den umstrittenen Roman hat sich erstmals die Literaturkritikerin Sigrid Löffler zu Wort gemeldet. Auch wenn man literarisch viel gegen den Schlüsselroman einwenden könne, halte sie das Buch weder für antisemitisch noch für einen Skandal. In den Diskurszusammenhang des Antisemitismus werde die Öffentlichkeit durch die Medienkampagne und die lautstarke Vorverurteilung des Romans erst gezwungen, meinte Löffler. Als Literaturkritikerin plädiere sie demgegenüber für eine unvoreingenommene Lektüre des Textes. Löffler griff auch den Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, scharf an. Sie bezweifele, daß Schirrmacher aus moralischen Motiven und ehrlicher Entrüstung handle: "Das Timing verrät ein genaues Kalkül." Mit dieser Kampagne nun Profit aus der Möllemann-Debatte schlagen zu wollen, sei fahrlässig. "Meinungen von Figuren sind ein total anderes Feld als die politische Rede zumal in Vorwahlzeiten. Daß diese Hysterisierung nun umgelenkt wird auf einen nicht einmal veröffentlichen literarischen Text, den kein Leser selbst überprüfen kann, halte ich für bedenklich." Walsers Roman und die Äußerungen eines Jürgen Möllemann (FDP) in Deutschland oder des früheren FPÖ-Obmanns Jörg Haider in Österreich sind nach Ansicht Löfflers nicht vergleichbar. Im Zusammenhang mit den Vorverurteilungen des Romans warnte die Literaturkritikerin auch vor der inflationären Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs in den Medien. Wer zu oft "Feuer" schreie, stumpfe die Öffentlichkeit ab. Das sagte sie am 2. 6. 2002 in der Sendung "Kulturfragen" des Deutschlandfunks.
Walser machte bereits Anfang Mai 2002 Schlagzeilen, als der Autor bei einer SP-Veranstaltung mit dem Titel "Nation. Patriotismus. Demokratische Kultur" auftrat. Bundeskanzler und SP-Chef Gerhard Schröder verteidigte die Veranstaltung, der Zentralrat der Juden in Deutschland kritisierte die Wahl Walsers als Schröders Gesprächpartner und das Datum der Veranstaltung: Der 8. Mai 2002 war der 57. Jahrestag der Kapitulation Deutschlands im Zweiten Weltkrieg.
Walser hatte sich 1998 die Todfeindschaft der in Deutschland herrschenden Lobbyisten zugezogen, als er nach der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an ihn in einer Rede in der Frankfurter Paulskirche die Instrumentalisierung des Holocausts für gegenwärtige Zwecke aufdeckte und kritisierte.
Walser erwägt, wegen des Meinungsterrors in der BRD nach Österreich zu übersiedeln.
[2. Juni 2002]