Berliner Fleischwochen
(Karneval der Lemminge)
von Herbert RauterZum 13. Mal lockte die sog. "Love Parade" am 22. Juli fast eine Million jugendlicher "Technofans" an die Spree. Die größte "Open-Air-Party" der Welt, jubeln die geschäftstüchtigen Veranstalter. Die lauteste Krachmaschine der Bekifften und Bekloppten, meinen die von Lärm, Gestank und Müll belästigten Bürger. Unstrittig ist nur eines: Berlin bleibt Hauptstadt des schlechten Geschmacks.
Die "Raver" tanzten und zuckten auf 43 bunten Wagen, von denen die Musik mit der Wucht von 1 Million Watt in die weichen Birnen dröhnte. Der wummernde und kreischende Hexenkessel zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor war 12 Jahre lang als "politische Demonstration" durchgegangen. Dieser Status befreite die Veranstalter, trotz Millioneneinnahmen, von jeder Kostenbeteiligigung. Für Straßensperren, Sanitätsdienst, Müllbeseitigung und Schäden am Tiergarten mußten sie keine müde Mark bezahlen. In den letzten Jahren glich der Tiergarten regelmäßig einem Schlachtfeld, was nicht nur Naturschützer empörte. In diesem Sommer wurde den "Kämpfern für Liebe und Musik" der Demostatus erstmals aberkannt. DJ ("Didschei") Dr.Motte und seine Firma werden endlich zaghaft zur Kasse gebeten. Für den Polizeieinsatz soll freilich wiederum der Steuerzahler blechen. Kosten: 1 Million DM.
"Über Wald und Wiesen schwebt eine süßliche Wolke von Joints, die allmählich von beißendem Uringestank überlagert wird", berichtet Rolf Henkel in den BNN am 23.7. Auf 310.000 schätzte die Polizei im Vorjahr die Zahl der Rauschgift konsumierenden "Raver". Zurück blieben von der "Liebesrepublik Berlin" 200 Tonnen Müll, die 800 Müllmänner mit 80 Schneepflügen und 220 Müllwagen zusammenkarren durften.
Die linken und liberalen Zeitungen und Fernsehsender der Spaß-BRD waren begeistert und überschlugen sich in erhitzten Superlativen. Soviel nackte Haut konnte man schon lange nicht mehr zeigen. Sogar die bürgerliche WELT des kirchenfreundlichen Springer-Verlages schlagzeilte fett: "Berlins Paradestück. Wenn es noch eines Beweises für die Existenz der Love Parade bedurft hatte, dieses Jahr wurde er erbracht." (23.7.01). Meinte der Autor die gelben Fellbikinis, die selbstgenähte Reizwäsche aus fransigen Klo-Vorlegern oder das "gar nichts" obenherum? Oder dachte er an die 3800 gezählten Zusammenbrüche und Verletzungen, an die 180 Festnahmen von Taschendieben, Schlägern, Drogenhändlern? Darauf kann Berlin als Kulturhauptstadt nicht verzichten. Sowas gehört zum SPD-regierten Deutschland, wie das Berliner Bürgermeister-Bekenntnis Klaus Wowereits: "Ich bin schwul. Und das ist auch gut so!" In einer Metropole mit 250.000 wahlberechtigten Homos und Lesben dienen solche Demonstrationen dem Machterwerb und Machterhalt der "toleranten" und "fortschrittlichen" Kräfte im Lande.
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Moderne Rattenfänger "raven""Es wäre Selbstbetrug, wollte man annehmen, daß diese Bewegung spontane Ereignisse der Liebe und Freude seien. Sie ist vor allem eine Massenflucht vor den Problemen unserer Zeit (...). Es ist eine Flucht in das Gefühl des Vergessens, eine Selbstaufgabe in einer willenlosen, im wahrsten Sinne des Wortes, "instrumentalisierten Masse". Dies offen zu sagen, trauen sich viele Politiker, auch in der Union, nicht mehr. Lieber kleiden sie sich mit dem Mantel der Moderne und frönen dem Konsum. Der Jugendpädagoge Don Bosco pflegte das so zu formulieren: "Die Macht des Bösen lebt von der Feigheit der Guten." (Jürgen Liminski im Westfalen-Blatt am 20.7.01).
"Join the love republic" hieß das Motto des diesjährigen Rattenfängerzuges. Ein vom Wochenmagazin FOCUS termingerecht herausgegebener "Loveparade Guide" versprach den jungen Leuten: "Schon der Weg ist die Party". Ein betrunkener Österreicher stürzte im Bahnhof Charlottenburg auf die Gleise und wurde tödlich vom Zug überrollt. Dabei hatten die Veranstalter des Techno-Marathons so fürsorglich gewarnt: "Vorsicht, dein Körper ist keine Maschine mit Endlosbatterie!". Nachzulesen in besagtem Ratgeber auf Seite 11 unter "Save Rave / Love your body-Tipps". In diesem gedruckten Brechmittel aus dem Hause Burda sind Deutsch und Englisch-Häppchen so ungenießbar verquirrlt wie in den meisten Presse- und Fernseh-Kommentaren zur Berliner "Supersause".
Der Tod ist kein Spaßverderber
Der Tod und sein Medien-Meister, der Plastinator Gunther von Hagen, waren auch bei der Love Parade mit dabei. Auf einem "Phantasy Truck" tanzten 10 junge Damen mit aufgeklebten Leichenteilen aus Plastik. Ein "Body-Painter" hatte die Tänzerinnen so bemalt, daß sie gehäuteten Leichen glichen. Die Original-Leichen blieben im Postmuseum des Stadtteils Friedrichshain. Kurz zuvor wollte der Plastinator, der merkwürdigerweise aussieht wie der plastinierte Margarine-Künstler Joseph Beuys, zehn seiner mit Silikon präparierten Toten durch den Ozean der Raver kutschieren lassen. Für Gunther von Hagen war diese Ankündigung ein voller Erfolg:
"Seine Ausstellung, die ganz zufällig an den Tagen der Parade 24 Stunden geöffnet ist, kam wieder in aller Munde und in die Schlagzeilen. Denn ebenfalls nicht ganz zufällig erwartete von Hagen am Wochenende dann auch den einmillionsten Besucher in Berlin. Echte PR-Arbeit geht eben manchmal über Leichen", war dazu in SPIEGEL online am 20.7. 2001 zu lesen.
Luftnummer "Aktion Fleisch"
Sein Spiel mit dem Tod trieb auch der österreichische "Künstler" Wolfgang Flatz in Berlin. Der in München schaffende Aktionist hat eine äußerst schmerzhafte Karriere als Zielscheibe für Dartpfeile und als menschlicher Glockenschlegel hinter sich. Sein Credo: "Kunst muß wehtun". Drei Tage vor dem Sommer-Karneval ließ er Bodo, die tote Kuh, vom Himmel plumpsen. Der Kultursenat begrüßte den Rinderabwurf, denn Kunst solle und dürfe in der Kulturhauptstadt provozieren! Ja, eine Provokation war überfällig. Berlin brauchte den Kunstskandal. New York schockte mit einer Madonna aus Elefantendung, Brüssel mit schinkentapezierten Säulen, Wien mit Schlingensiefs Container. Und was bot Berlin?
Bevor der Kadaver in die Baugrube vor einer Backfabrik platschte, konnte das Publikum den Meister selbst bewundern. Sein bluttriefender Kopf wurde diaprojiziert, hüpfend im Takt elektronischer Rhythmen. "Dann sieht man den Österreicher in einer Filmeinspielung, wie er nackend kopfüber und ordentlich polternd zwischen zwei Stahlplatten pendelt. Tut bestimmt weh. Groovt aber ..." schrieb Josef Engels in der WELT am 21.Juli.
Anschließend baumelte der echte Flatz, in blutige Laken gewickelt, an einem Kran. Die Fetzen fielen und der Entblößte breitete die Arme christusgleich über die Menge. Dazu sang er: "Gib mir Dein Fleisch. Ich gebe Dir meines". Hat er das bei Blut- und Orgienmeister Hermann Nitsch geklaut? Ehe die Kenner moderner Kunst das zu Ende diskutieren konnten, flog Hornvieh Bodo in die Grube. Manche fanden das "geil". Andere vermißten den explosiven Ausklang. Die detonierenden Feuerwerkskörper im Bauch des Rindes erzeugten beim Aufprall nur mäßigen Krach. Schade, wenn man die Produktionskosten von 250.000 DM bedenkt. Später tanzte die links-liberale Szene Wiener Walzer in der Backfabrik. An den Wänden hingen Fotos zerschundener Gliedmaßen. Bilder aus der Unfallchirurgie? Sie trugen Namen wie "Superstar" und kosteten nur 36.000,-DM. Schon für 200 Mark waren eingeschweißte, handsignierte Fleischbrocken zu haben. Echte "Schnäppchen" im Sommer-Karneval.
Apropos Karneval. Bedeutet das nicht: "Fleisch lebe wohl"? Nein, mit dem Berliner Auftritt ist Flatz noch lange nicht fertig. Jetzt folgt die Welt-Tournee. Seine "Performance" soll "Fressen, Ficken, Fernsehen" heißen. Kann man Kulturverständnis und Geist der rot-grünen Republik subtiler auf einen Nenner bringen? ("Es muß halt erst ein Österreicher kommen, der sich traut"). Danke, Wolfgang Flatz. Sie sind der Botschafter des anderen Österreich, ein würdiger Vertreter des Widerstands gegen Haider, die alpenländische Antwort auf Schlingensiefs Narrenkäfig. Sie haben Schröders neuer Zivilgesellschaft der "Anständigen" gezeigt, daß es nicht nur das kunstfeindliche reaktionäre Österreich der schwarz-blauen Provinzler gibt. Sie verkörpern die weltoffene Internationale der blutkleckernden Provozierer, die in Wien so pervers ist wie in Berlin. Die bundesdeutsch - deutschösterreichischen Gemeinsamkeiten sind doch größer als wir nach den Sanktionen des Vorjahr zu glauben wagten.
BILD-ZEILEN:
"Boom, Boom, Boom" - das nervtötende Stakkato der Bässe nennt man Musik
Hüllen-und hemmungslos: deutsche Jugend im Drogenrausch
Laut, lauter, Loveparade!
[25. Juli 2001]
Ausländerabschiebung als Kunstwerk Der aus der BRD stammende Künstler Christop Schlingensief nennt seine Festwochen-Aktion "Bitte liebt Österreich - Erste österreichische Koalitionswoche". Dadurch sollen die
Österreicher belehrt und ihnen der Spiegel vorgehalten werden.
Der Intendant der Wiener Festwochen, Luc Bondy, der Schlingensief kurzfristig eingeladen hatte, verteidigte die Aktion
als Beitrag der Festwochen, auf eine "unerträgliche politische Stimmung" im Lande durch die Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen aufmerksam zu machen.Hinter einem Bauzaun aus Brettern und Draht in der Wiener Innenstadt spielen vom 12. - 17. Juni die fünf Frauen und sieben Männer in drei Containern. Wer sich tatsächlich hinter den angeblichen Asylbewerbern verbirgt, ist Schlingensiefs Geheimnis.Plakate am Bauzaun stellen die Zwölf als Flüchtlinge aus China, Kamerun, Simbabwe, Nigeria, Irak, Kurdistan, Tschetschenien, Kosovo und Albanien vor.
Zwei blaue Fahnen der Freiheitlichen Partei (FPÖ) wehen über den Containern, ein Schild fordert "Ausländer raus", und
Aussagen des ehemaligen FPÖ - Vorsitzenden Jörg Haider zieren die Außenwände. "In Österreich gibt es 300 000 Arbeitslose und 300 000 offizielle Ausländer" ist zum Beispiel zu lesen oder der Wahlslogan "Stop der Überfremdung". Damit soll die Weltöffentlichkeit auf die "Ausländerfeindlichkeit" in Österreich aufmerksam gemacht werden.Hochbezahlte Politiker und Künstler des Establishments finden es natürlich unverständlich, daß einfache Arbeiter Angst um ihre Arbeitsplätze und Mietwohnungen haben, die ihnen von ausländischen Billigarbeitskräften streitig gemacht werden.
Bei dieser Fernsehpräsentation werden auch einfache Leute befragt und anschließend von den meist jugendlichen Ausländerfreunden (die wahrscheinlich nichts arbeiten und von Transferleistungen auf Kosten der Steuerzahler leben) mit Spott und Hohn übergossen. "Was ich eigentlich am lustigsten finde,
sind die Reaktionen von Leuten die hier vorbeikommen, die sich irrsinnig aufregen, unser Steuergelder usw...." sagte z. B. freudig erregt eine junge Ausländerfreundin in die "euronews" TV - Kamera.Er nehme mit seiner Aktion Vorschläge zum Umgang mit Asylbewerbern beim Wort, wie sie zum Beispiel Haider und die Freiheitlichen vorgeben, hatte der 39-jährige Regisseur im Vorfeld zu seiner Aktion erklärt. Die Inszenierung halte den Österreichern einen Spiegel vor.
Besitzstörung durch Container - Aktionisten
Bei Popp & Kretschmer, dem Damenmodengeschäft in der Kärntner Straße 51, schreckte Schlingensief Dienstag d. 13. 6. nachmittags Kunden und Verkäuferinnen als ungebetener Gast: Überfallsartig stürmte er mit schwarz gekleideten Komplizen in
das Geschäft und ließ ohne Erlaubnis filmen, "was sich Asylanten alles nicht kaufen könnten.""Es war wie ein Terrorüberfall", berichtet eine Verkäuferin. "Da hört sich die Freiheit der Kunst auf", ärgert sich Junior-Chef Rainer Trefelik. Er möchte mit einer Klage ein sofortiges Ende der gesamten Aktion erreichen. Laut erteiltem Bescheid müßte die Baubehörde die Aufbauten der Veranstaltung (Container etc.) bei gehäuften Beschwerden über eine massive Störung der angrenzenden Betriebe sofort oder binnen zweier Tage sperren lassen.
Polizeibeamte, die während ihrer Streifengänge am Mittwoch d. 14. Juni 2000 bei den Containern vorbeikamen, wurden von dutzenden empörten Touristen zum Einschreiten gegen die Container-Aktion aufgefordert. Die Touristen glaubten, es handle sich um eine ausländerfeindliche FPÖ - Kundgebung. Sie mußten von der Polizei aufgeklärt werden, daß die Aktion eine künstlerische Veranstaltung der Wiener Festwochen sei.
Gerichtliche Erhebungen gegen Schlingensief
In Berlin und Graz dürfte Schlingensief bereits der Boden unter
den Füßen zu heiß geworden sein. Die Jüdische Gemeinde Berlin hatte am 23. November 1999 nach dem "2. Internationalen Kameradschaftsabend" mit Christoph Schlingensief und
Alexander Kluge in der Berliner Volksbühne Strafanzeige
erstattet. Als Grund gab der Gemeindevorsitzende Andreas Nachama an, bei der Veranstaltung am Vorabend habe ein Schauspieler das Publikum aufgefordert, "das Wort Judensau zu sagen, ganz normal und ganz natürlich".Die Anzeige richtet sich gegen Schlingensief, Kluge und Mendelssohn. Laut Nachama muss die Staatsanwaltschaft prüfen, welcher Straftatbestand vorliegt.
Ebenfalls gerichtliche Voruntersuchungen gibt es nach einem Auftritt in Graz. Der aus der BRD stammende Regisseur
Christoph Schlingesief hatte mit seinem Beitrag zur Aufführung "Schnitzler's brain" im Grazer Schauspielhaus für Kontroversen gesorgt. Nun wartet man seitens der Staaatsanwaltschaft auf Aufzeichnungen aus dem Theater.In Schlingensiefs Beitrag hatten mehrere Darsteller immer
wieder den Satz "Tötet Wolfgang Schüssel" skandiert. Was ja ganz typisch für die Einstellung eines linken Weltverbesserers zu Diskussion und Gewalt wäre. Dies hatte bereits vor der Premiere am 6. Mai dazu geführt, daß sich der Grazer Theaterausschuss von der Aufführung ausdrücklich distanzierte. Nach der Aufführung wurden Schauspieldirektor Marc Günther sowie eine Dramaturgin von der Polizei befragt. Schlingensief selbst habe, so die Staatsanwaltschaft, bis jetzt nicht befragt werden können, da er unmittelbar nach der Premiere aus Graz abreiste."Wir warten auf Aufzeichnungen von der Vorstellung um zu sehen, in welchem Zusammenhang die Aussage gefallen ist", meinte Staatsanwalt Peter Gruber zum Stand der Dinge. Anhand dieses Materials werde man ersehen, ob es sich bei der Äußerung um Kunst
handle oder nicht, meinte Gruber.
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Der Schlingensief - Container in der Wiener Innenstadt[14. Juni 2000]