Professor Dr. Claus Leggewie
Justus-Liebig-Universität
Institut für Politikwissenschaft
Karl-Glöckner-Str. 21 e
35 394 Gießen
Feldkirchen-Westerham, 14. April 2003
Ihr Artikel „Rechts gegen Irak und Globalisierung“ in der Süddeutschen
Zeitung vom 14. April 2003
OFFENER BRIEF
Sehr geehrter Herr Professor Leggewie,
in einem Artikel in der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung
mit der erklärungsbedürftigen Überschrift „Rechts gegen
Irak und Globalisierung“ befassen Sie sich mit politischen Strömungen,
die Sie mit Attributen wie „neonationalsozialistisch“, „neofaschistisch“,
„rechtsradikal“, „nationalpopulistisch“, „rechtspopulistisch“ u.ä.m.
bezeichnen. Als Politikwissenschaftler müßten Sie aber wissen,
daß dies alles Begriffe sind, die fast ausschließlich zur Bekämpfung
völkisch-nationaler politischer Strömungen dienen – übrigens
im durchaus populistischen Sinne - und sich keineswegs für objektive
Untersuchungen eignen, seien es Analysen des Selbstverständnisses
und des subjektiven Wollens der betreffenden Meinungsträger oder Darstellungen
von damit einhergehenden gesellschaftlichen Verhältnissen.
Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Phänomen,
welcher Art auch immer, setzt generell voraus, daß man sich diesem
objektiv und aufgeschlossen, auf keinen Fall aber mit politisch, religiös
oder weltanschaulich vorgeprägten Meinungen nähert. Ist, wie
vorliegend, der Untersuchungsgegenstand selbst von politischer, religiöser
oder weltanschaulicher Natur, dürfte es für einen ideologisch
stark festgelegten oder dem politischen Opportunitätszwang unterliegenden
Wissenschaftler sogar bei besten Vorsätzen äußerst schwierig
sein, Objektivität zu wahren. Dieses grundlegende Dilemma der Politikwissenschaft
kann m.E. nicht glaubhaft geleugnet werden, zumindest nicht soweit es um
die Untersuchung von kontrovers diskutierten politischen Meinungen geht.
Um so abwegiger empfinde ich es, wenn Sie als engagierter Anhänger
der Kulturnivellierung – irreführenderweise als „Multikultur“ bezeichnet
- in der Auseinandersetzung mit anderen Überzeugungen und politischen
Strömungen diese mit Schlagworten kennzeichnen, die im Prinzip aus
dem Bereich der Propaganda kommen. Bei einer reinen politischen Polemik
wäre dies zwar vielleicht noch akzeptabel, wenn auch nicht schön.
In einem mit dem Anspruch wissenschaftlicher Autorität veröffentlichten
Beitrag hingegen kann ich darin nur das Versagen der Objektivität
schon in der Form der Darstellung erkennen.
Noch mehr befremdet es mich logischerweise, wenn ich diese, schon durch
die Wortwahl erkennbare Tendenz durch die eigentliche inhaltliche Behandlung
des Themas in Ihrem Artikel voll bestätigt sehe. Wie ich das sehe,
will ich kurz erläutern, und zwar in recht allgemeiner, abstrakter
Form, ohne dabei auf viele Einzelheiten Ihrer Ausführungen einzugehen.
Denn auf diese kommt es m.E. nicht so sehr an. Vielmehr scheint mir Ihr
wesentlicher Fehler darin zu bestehen, daß Sie sich mit politischen
Schablonen beschäftigen, während Sie die überfällige
Auseinandersetzung über eine für die weitere Entwicklung der
Menschheit und Mutter Erde lebenswichtige Grundsatzfrage beharrlich verweigern,
nämlich die Frage der Wahl zwischen weiterer hemmungsloser globalistischer
Expansion einerseits und der Wiederherstellung und Weiterentwicklung soziokulturell
stabiler, freier Gesellschaften andererseits. Diese überlebenswichtige
Diskussion ist gerade wegen politischer Scheindebatten, wie der von Ihnen
geführten, bislang weitgehend ausgeblieben, sicherlich zur großen
Zufriedenheit derer, die laufend vollendete Tatsachen zugunsten der weiteren
globalistischen Wahnsinnsexpansion und zulasten freier, selbstbestimmter
Gesellschaften schaffen.
Das Grundprinzip des Lebens im allgemeinen und der kulturellen Entwicklung
der Menschheit im besonderen ist das der Ausdifferenzierung und der Artenvielfalt,
also das Prinzip der Herausbildung und Stabilisierung lebensfähiger
Identitäten. Der Umstand, daß besonders die menschliche Kulturentwicklung
gleichzeitig auch durch gesellschaftliche Expansion geprägt ist, steht
nur scheinbar im Widerspruch hierzu. Denn Größe bedeutet einerseits
in bestimmten Grenzen einen Wettbewerbs- und Überlebensvorteil und
kann andererseits langfristig zu weiterer Ausdifferenzierung führen.
Dementsprechend gab es in der ganzen Menschheitsgeschichte zwei neben einander
existierende Paradigmen, nämlich das primäre des angeborenen
soziokulturellen Identitätsstrebens und das sekundäre des ebenfalls
angeborenen Expansionsdranges. Oder anders ausgedrückt: den familien-
und sippenbezogenen, später völkischen und staatsbezogenen Gemeinschaftsgedanken
und den kosmopolitischen, zugewinn- und herrschaftsbezogenen Universalgedanken.
Diese beiden Paradigmen sind gewissermaßen systemimmanent, und
zwar als Pole jenes Kraftfeldes, welches die kulturelle Evolution antreibt.
Dabei wechseln sie sich zwischen verschiedenen geschichtlichen Epochen
in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung ab. Auf Phasen, die vom Gemeinschaftsparadigma
geprägt sind und in denen die Konsolidierung und behutsame Entwicklung
eines Gemeinwesens im Vordergrund stehen, folgen in einigen Kulturen Phasen
unter dem Paradigma des Universalismus, in denen eine explosionsartige
Expansion der Gesellschaft mit entsprechender Erosion der soziokulturellen,
häufig auch der ökologischen Lebensgrundlagen stattfindet. Es
gibt historische Beispiele dafür, daß sich Nationen nach solchen
substanzverzehrenden Expansionsphasen auf die Überlebensnotwendigkeit
ihrer soziokulturellen Lebensgrundlagen besannen und dadurch nach einer
Konsolidierungsphase erfolgreich weiterleben konnten. Die Regenerierung
der beschädigten soziokulturellen Grundlagen wurde dadurch ermöglicht,
daß das Paradigma des Gemeinschaftsgedanken wieder zum gesellschaftlichen
und politischen Leitmotiv wurde. In anderen Fällen konnte die mit
der Expansionsphase einhergehende, immer stärkere innere Auflösung
der Gesellschaft nicht durch Paradigmenwechsel rechtzeitig gestoppt werden,
so daß ein unumkehrbarer Niedergang der betreffenden Kultur und letztlich
ihr Zusammenbruch einsetzte. Das bedeutete in früheren Zeiten aber
nicht etwa den Untergang der Zivilisation, denn Völker mit intakter
soziokultureller Struktur stießen nach, adaptierten die Errungenschaften
der aussterbenden Kultur und konnten so die kulturelle Evolution mit gesunden
Gesellschaftsstrukturen auf einer jeweils höheren Zivilisationsstufe
fortsetzen.
Unsere Zeit ist aber u.a. dadurch gekennzeichnet, daß die Gesellschaften
und ihre soziokulturellen Feinstrukturen einerseits gigantischen, noch
nie dagewesenen Fliehkräften und einer entsprechenden, alles zerstörenden
kulturellen Erosion ausgesetzt sind, während sie andererseits die
Erde, sich selbst und den Menschen schon so vollständig ausgebeutet
haben, daß die oben erwähnte Erholung und Fortsetzung der kulturellen
Entwicklung auf einer jeweils höheren Ebene durch Nachrücken
soziokulturell gesunder Volksstämme nicht mehr möglich erscheint.
In dieser Situation wird die Fähigkeit zum Paradigmenwechsel im
oben genannten Sinne zu einer Überlebensfrage der zivilisierten Menschheit.
Sie, sehr geehrter Herr Professor Leggewie, gehören aber m.E.
- mit Verlaub gesagt - zu jenen „Gewohnheitstätern“, die aus Karrieregründen,
Selbsttäuschung, ideologischer Verblendung oder aus welchen Gründen
auch immer nicht nur diesen Paradigmenwechsel an sich, sondern auch jegliches
dafür erforderliche Problembewußtsein in der Bevölkerung
zu verhindern versuchen. Statt die wichtigste Grundsatzentscheidung, die
die Menschheit heute zu treffen hat, nämlich die zwischen Globalismus
und völkisch-kultureller Vielfalt, begrifflich vorzubereiten und damit
die demokratische Entscheidung der Menschen zu erleichtern, tun Sie offenbar
alles, um dies zu erschweren. Ja, Sie lenken scheinbar bewußt von
dieser, heute mit Abstand wichtigsten Aufgabe einer demokratischen politischen
Auseinandersetzung ab, indem Sie eine geradezu volksverhetzende Stigmatisierung
jener Minderheit betreiben, die, trotz schwerster Anfeindungen und trotz
der systematischen Ignoranz oder Täuschung seitens Medien und politischer
Klasse, zaghafte Versuche unternimmt, ihren Mitmenschen vor Augen zu führen,
wie am laufenden Band Weichenstellungen in existentiellen Fragen vollzogen
werden, ohne daß darüber eine relevante gesellschaftliche Debatte
stattfindet, d.h. ohne daß den betroffenen Menschen selbst auch nur
die rudimentärste demokratische Mitwirkung an den Entscheidungen möglich
ist.
Dies sind zugegebenermaßen schwere Vorwürfe. Doch, sie müssen
erhoben werden – nicht nur gegen Sie, sehr geehrter Herr Professor Leggewie!
-, um zumindest theoretische Chancen für die Entstehung eines Problembewußtseins
zu schaffen, eines Bewußtseins für die gigantischen Gefahren,
denen heute die Völker und Kulturen und damit die ganze Menschheit
ausgesetzt sind.
Wenn Sie etwas Gutes tun wollen, nicht zuletzt für Ihre wissenschaftliche
Disziplin, könnte mein Appell an Sie, diese Herausforderung nicht
zu ignorieren, sondern sie mutig anzunehmen, vielleicht doch Ihre Beachtung
finden. Sollten Sie sich dazu entschließen, worüber ich mich
aufrichtig freuen würde, wäre ich gern bereit, mich für
eine entsprechende Diskussion im passenden Rahmen bereitzustellen.
Als Vorbereitung hierfür erhalten Sie anbei zwei Ausarbeitungen
von mir, einmal den Beitrag „Politisch-weltanschauliche Grundlagen und
Grundsätze der deutschen Nationaldemokratie“, veröffentlicht
im Sammelband „Alles Große steht im Sturm“, DS-Verlag 1999, und einmal
einen Offenen Brief an Richard von Weizsäcker vom Dezember 2002.
Mit getrennter Post geht Ihnen außerdem das Buch „Entmachtung
der Hochfinanz“ von Reiner Bischoff zu. Es behandelt die in diesem Brief
angesprochene Problematik in prägnanter Weise, und zwar mit
besonderer Betonung der Rolle des Kapitals und der Zinswirtschaft bei die
Zerstörung von Gesellschaften und Völkern. Der Autor, der
in Absprache mit mir das Buch direkt an Sie schickt, ist ebenfalls bereit,
an einer qualifizierten Diskussion über den hier behandelten Themenkreis
teilzunehmen.
In gespannter Erwartung Ihrer Antwort und
mit freundlichen Grüßen
Per Lennart Aae
Sytec-PLA@t-online.de |