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N. Chomsky: Ich denke nicht. Niemand will ernsthaft einen Krieg. Was man will ist Sieg. Nehmen Sie z. B. Mittelamerika. in den 80er Jahren, Mittelamerika war außer Kontrolle. Die USA hatte einen grausamen Terrorkrieg in Nicaragua zu führen und mußte mörderische Terrorstaaten in El Salvador, Guatemala und Honduras unterstützen, das war Krieg. Jetzt ist es mehr oder weniger friedlich. So liest man nicht einmal mehr etwas über Mittelamerika, weil es friedlich ist. Ich meine leidend und elend, aber friedlich. Es ist also kein Kriegszustand. Und dasselbe auch anderswo. Wenn man die Bevölkerung unter Kontrolle halten kann ist es kein Kriegszustand. Nehmen wir z. B. Rußland und Osteuropa. Rußland beherrschte Osteuropa fast ein halbes Jahrhundert mit sehr wenig militärischer Intervention. Gelegentlich mußten sie intervenieren, in Ostberlin, Ungarn und in der Tschechoslowakei, aber die meiste Zeit war es friedlich. Und sie dachten, alles sei in Ordnung - beherrscht von lokalen Sicherheitskräften, Politikern, kein großes Problem. Das ist kein dauernder Kriegszustand. F.: Im Krieg gegen den Terror aber, wie definiert man Sieg gegen eine Taktik ? Chomsky: Da gibt es Zahlen. Z. B. kann man die Anzahl der Terrorattacken feststellen. Gut, die sind stark angestiegen unter der Bush-Regierung, sehr stark nach dem Irak-Krieg. Wie erwartet, es wurde von den Sicherheitsdiensten vorhergesagt, daß der Irakkrieg die Wahrscheinlichkeit von Terror erhöhen würde. Und die Einschätzungen nach der Invasion von CIA, National Intelligence Council und anderer Sicherheitsdienste sind genau das. Ja, es erhöhte den Terror. Tatsächlich schuf es etwas das vorher nicht existierte, neue Trainingsgelegenheit für Terroristen, viel raffinierter als Afghanistan, wo sie professionelle Terroristen trainierten, die in ihre eigenen Länder gehen sollten. So, das ist eine Art mit dem Krieg gegen den Terror umzugehen, nämlich den Terror zu vermehren. Und die offensichtliche Statistik, die Anzahl der Terroranschläge - ja, ihnen ist es gelungen, den Terror erhöhen. Tatsache ist, daß es keinen Krieg gegen den Terror gibt. Es ist eine Nebensache. So war die Invasion des Irak und die Kontrolle der Energiereserven der Welt weit wichtiger als die Gefahr von Terror.. ....... F.: Sie haben die US-Aggressionskriege seit Vietnam beobachtet, jetzt sind wir im Irak. Denken Sie, daß nach dem Fiasko die Möglichkeit besteht, daß sich in der US-Außenpolitik etwas ändert ? Chomsky: Gut. es gibt wesentliche Änderungen. Man vergleiche z. B. den Krieg im Irak mit dem Krieg in Vietnam vor vierzig Jahren. Da gibt es einen wesentlichen Unterschied. Widerstand gegen den Krieg im Irak ist viel größer als damals der Widerstand gegen den viel schlimmeren Krieg in Vietnam. Ich glaube der Krieg gegen den Irak ist der erste in der Geschichte des europäischen Imperialismus (einschließlich USA), gegen den es massive Proteste vor seinem offiziellen Ausbruch gegeben hat. In Vietnam dauerte es vier oder fünf Jahre, bis etwas Protest sichtbar wurde. Protest war so schwach, daß niemand weiß oder sich erinnert, daß Kennedy Südvietnam 1962 attackierte. Es war ein schwerer Angriff. Es war Jahre später, als sich endlich etwas Protest zeigte. F.: Was glauben Sie sollte im Irak getan werden ? Chomsky: Gut, das erste, das im Irak getan werden sollte ist für uns, daß man ernsthaft diskutiert, was dort vorgeht. Ich bedauere sagen zu müssen, daß es im ganzen politischen Spektrum keine ernsthafte Diskussion der Frage des Abzuges gibt. Der Grund dafür ist, daß wir im Westen unter einer strengen Doktrin, einem religiösen Fanatismus stehen, der besagt, wir müssen glauben, die USA hätten den Irak auch dann angegriffen, wenn Iraks Hauptprodukt nicht Öl sondern Salat und Salzhering gewesen wäre und die Ölreserven der Welt in Afrika liegen würden. Jeder, der das nicht glaubt, ist verdammt als Verschwörungstheoretiker, Marxist, Narr oder dergleichen. Gut, jeder bei dem drei graue Zellen funktionieren weiß, daß das kompletter Unsinn ist. Die USA besetzte den Irak, weil er riesige Ölvorräte hat, die meisten unberührt, und es ist inmitten der Energiequellen der Welt. Was bedeutet, daß wenn die USA es fertigbringt, den Irak zu kontrollieren, sie ihre strategische Macht enorm ausdehnt, was Zbigniew Brzezinski den kritischen Vorteil gegenüber Europa und Asien nennt. Ja, das ist der Hauptgrund für die Invasion des Irak, der fundamentale Grund. Nun laßt uns über den Abzug reden. Man nehme die Zeitung oder das Journal irgend eines Tages. Sie beginnen damit, die Vereinigten Staaten wollten einen souveränen, demokratischen und unabhängigen Irak. Ich meine, ist das auch nur eine entfernte Möglichkeit ? Man überlege, was für eine Politik ein unabhängiger und souveräner Irak wahrscheinlich machen würde. Wenn der Irak mehr oder weniger demokratisch ist, dann wird es eine shiitische Mehrheit geben. Die werden natürlich ihre Verbindungen mit dem Iran, dem shiitischen Iran verbessern wollen. Die meisten religiösen Führer kommen aus dem Iran. Die Badr-Brigade, die praktisch den süden kontrolliert, wird im Iran ausgebildet. Sie haben enge und sensible wirtschaftliche Beziehungen, die zunehmen werden. Damit haben wir ein loses Bündnis Iran-Irak. Außerdem haben wir über der Grenze in Saudi-Arabien eine shiitische Bevölkerung, die von der US- gestützten fundamentalistischen Tyrannei bitter unterdrückt wird. Und jede Tendenz in Richtung Unabhängigkeit im Irak wird sie sicher aufstacheln, es geschieht schon jetzt. Das ist gerade dort, wo das meiste Saudiarabische Öl ist. Nun gut, nun kann sich den größten Alptraum Washingtons vorstellen, ein loses shiitisches Bündnis, das den größten Teil der Erdölreserven der Welt kontrolliert und das sich dem Osten zuwenden wird, wo China und andere darauf warten, Beziehungen aufzubauen und das auch schon machen. Ist das vorstellbar ? Die USA würde lieber einen Atomkrieg führen, als das zu erlauben, wie die Dinge jetzt liegen. Nun, jede Diskussion eines Rückzuges aus dem Irak muß auf
den Boden der Tatsachen zurückkehren, das heißt, diese Probleme
berücksichtigen. Man betrachte nur die Kommentare in den Vereinigten
Staaten, über das ganze Spektrum. Wieviel Diskussion über diese
Probleme sieht man ? Gut. man weiß, ungefähr Null, was heißt,
die Diskussion ist nur am Mars. Und da gibt es Gründe dafür.
Es ist uns nicht erlaubt zuzugeben, daß unsere Führer rationale
imperialistische Interessen haben. Wir sollen glauben, sie seien gutherzig
und nur etwas bürokratisch. Aber sie sind es nicht. Die sind komplett
informiert. Sie können verstehen, was jeder andere verstehen kann.
So ist der erste Schritt bei der Diskussion eines Abzuges: man betrachte
die tatsächliche Situation, nicht irgendeine Traumvorstellung, wo
Bush eine Vision von Demokratie hat oder dergleichen. Wenn wir die wirkliche
Welt betrachten können, dann können wir damit beginnen, darüber
zu reden. Und ja, ich denke es sollte einen Abzug geben, aber wir haben
darüber in der wirklichen Welt zu reden und wissen, was das Weiße
Haus denkt. Sie sind nicht gewillt, in einer Traumwelt zu leben.
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