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Der Irak-Krieg ist zu Ende. Ein Provinzdespot, der mit seinen „Massenvernichtungswaffen“ angeblich die ganze Welt bedrohte, ist gestürzt. Alle freuen sich über den raschen Sieg der USA, die im Irak nun ein Protektorat errichten. Die Kriegsgegner sind „zutiefst beschämt“ und sollten sich, so heißt es allgemein, für ihren „Antiamerikanismus“ nun entschuldigen. Besteht dazu ein Anlass, oder gehört George Bush in Wahrheit vor ein Kriegsverbrechertribunal? Alle Völkerrechtler waren sich ebenso wie die Vertreter einer unvoreingenommenen seriösen Politikwissenschaft schon lange vor Beginn des Krieges einig: „Der Überfall auf den Irak hält keiner denkbaren Rechtfertigung stand: Er ist weder ein Verteidigungskrieg zum Schutz des eigenen Territoriums noch ein Beistandskrieg für einen überfallenen dritten Staat, noch eine humanitäre Intervention zur Verhinderung eines Völkermordes“ (Rainer Bauböck). Dennoch wurde der Krieg geführt, weil die USA ihn – koste es, was es wolle – führen wollten, weil sie die Macht dazu besaßen und weil die allermeisten europäischen Vasallenstaaten nicht bereit gewesen sind, George Bush und seinem „Pudel“ Tony Blair die Zustimmung zu versagen. Die Rückkehr zum Faustrecht Von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben die „politischen Eliten“ dieser Länder die Bedeutung und das wahre Ausmaß dessen für die Zukunft unserer Welt, was uns die USA damit vor Augen führten, vermutlich nicht einmal erkannt. Tatsächlich hat noch nie zuvor in der Geschichte eine Demokratie, wenn sie intakt war, einen nicht legitimierten Angriffskrieg geführt. Und zumindest in der westlichen Welt bestand bislang Einigkeit darüber, dass das Gewaltverbot, wie es durch die UNO-Charta und das Völkerrecht normiert wird und an das sich jeder zivilisierte Staat bisher auch hielt, zu den wesentlichsten kulturellen Errungenschaften des vergangenen Jahrhunderts zählt. Diese Errungenschaft ist nun Geschichte. Wir sind in der Gestaltung zwischenstaatlicher Beziehungen zum Faustrecht und zum Recht des Stärkeren zurückgekehrt. Noch nie wurde außerdem von einer vorgeblich demokratischen Regierung die eigene Bevölkerung und die Weltöffentlichkeit in so schamloser Weise und so hemmungslos belogen und betrogen. Mit Recht warf der katholische Theologe Hans Küng der USRegierung vor, sie habe ein „Lügengebäude von Orwell’schem Ausmaß aufgebaut, um einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zu legitimieren“. Das war nicht übertrieben. Die Kriegsbefürworter (Politiker und Meinungsmacher) haben andererseits das „dumme Volk“, das diesen Krieg partout nicht haben wollte, immer wieder eindringlich belehrt, wie es zu denken habe. Auch die so genannten österreichischen „Qualitätszeitungen“, die uns zwar jeweils mit sehr vielen Neuigkeiten, dafür aber mit umso weniger Information versorgten, haben da keine Ausnahme gemacht. „Wer gegen Bush und den Irak-Krieg protestiert, ohne gleichzeitig für den Sturz von Saddam Hussein einzutreten, macht sich zum Komplizen der Tyrannei“, schrieb „Der Standard“. Und in der „Presse“ las man es nicht anders: „So verständlich die Ablehnung von Bomben, Tod und Zerstörung ist, so unglaubwürdig ist es, wenn dabei nicht die Hauptkritik gegen den brutalen Diktator Saddam Hussein gerichtet wird. Er hat hunderttausende Menschenleben auf dem Gewissen.“ Nun gut: Kein Mensch hat je daran gezweifelt, dass Saddam Hussein ein verabscheuungswürdiger Diktator war, an dessen Händen das Blut vieler Menschen klebt. Und dass die Menschenrechte im Irak mit Füßen getreten wurden, ist auch evident. Solche Regime gibt es freilich viele in der Welt, gerade auch im Mittleren und Nahen Osten, wo sich manche dieser Diktatoren nur deshalb an der Macht befinden, weil die USA die Schutzmacht für sie spielen. Die Behauptung, dass es Amerika vor allem darum gehe, der Demokratie und rechtsstaatlichen Prinzipien zum Durchbruch zu verhelfen, ist angesichts der Fakten pure Heuchelei. Für die Rolle des alleinigen „Weltpolizisten“ sind die USA wohl denkbar ungeeignet. Abgesehen davon, dass es jedem, der Rechtsstaatlichkeit als ein erstrebenswertes Ziel ansieht, vor der Vorstellung grauen müsste, dass ein Staat – welcher auch immer – gleichzeitig Polizist, Ankläger, Richter und Vollstrecker ist. Die „Neue Weltordnung“, wie sie Amerika vorschreibt, markiert daher tatsächlich einen Wendepunkt in der Weltgeschichte. Aus diesem Grund ist eine detaillierte Untersuchung aller Hintergründe, die zu diesem Krieg geführt und welche Kräfte ihn mit welchen Mitteln und zu welchem Zweck betrieben haben, angebracht. Saddam unter dem Schutz der CIA Die USA, vornehmlich ihr Geheimdienst CIA, waren schon vor fünfzig Jahren im Irak aus geopolitischen Erwägungen, vor allem aber wegen der im Zweistromland vorhandenen zweitgrößten Erdölvorräte der Welt in massiver Weise engagiert. Im Jahr 1958 hatte nach einem blutigen Aufstand gegen die britenfreundliche Haschemiten-Monarchie und der Ermordung König Feisals eine von der damaligen Sowjetunion gestützte kommunistische Militärdiktatur unter General Abdel Karim Kassem die Macht ergriffen. Für die USA entstand damit – auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges – aus durchaus guten Gründen Handlungsbedarf. Unmittelbar danach begann auch die „Karriere“ des damals gerade zwanzigjährigen Saddam Hussein als Mitglied der im Irak verbotenen und von den USA wohlwollend unterstützten nationalrevolutionären Baath-Partei. In Kooperation mit dem ägyptischen Geheimdienst wurde der junge Saddam Hussein vom USGeheimdienst CIA für „besondere Aufgaben“ rekrutiert. Schon ein Jahr später, im Oktober 1959, gehörte Saddam einem sechsköpfigen Kommando an, das General Kassem ermorden sollte. Der Putsch misslang, Saddam Hussein wurde zum Tod verurteilt, flüchtete nach Syrien, wurde von dort mit CIA-Hilfe nach Kairo in Sicherheit gebracht, wo er vom CIA-Residenten Jim Eichelberger in Empfang genommen und vom CIA-Spezialagenten Miles Copeland in den Folgejahren betreut und weiter ausgebildet wurde. Im Jahr 1961 stiftete die CIA die Kurden im Nordirak zu einem Aufstand gegen das sowjetfreundliche Bagdader Regime an, in der Hoffnung, es auf diese Weise loszuwerden. Hunderttausende Kurden kamen in den Folgejahren um. Im Jahr 1963 kehrte Saddam Hussein wiederum mit CIA-Hilfe in den Irak zurück, und die Baath-Partei organisierte einen neuerlichen Staatsstreich, diesmal mit Erfolg. General Ahmed Hassan al-Bakr übernahm die Macht, General Kassem wurde hingerichtet. Die Ermordung mehrerer hundert als Kommunisten identifizierter Offiziere war geplant. Es war die CIA, die Saddam Hussein eine Liste mit den rund 800 Namen der zu Liquidierenden übergab. Deshalb weiß man heute in Amerika auch so genau, dass Saddam Hussein schon als junger Mann ein „blutrünstiger Mörder“ und „bezahlter Killer“ war. Doch schon nach ein paar Monaten waren die Baathisten wieder von der Macht vertrieben, ein anderer Militärdiktator, Marschall Abdel Salam Aref, übernahm die Macht, und Saddam Hussein wurde erneut verhaftet. „Saddam ist ein Hurensohn – aber er ist unser Hurensohn!“ Im Jahr 1966 stieg Saddam Hussein in die Führungsriege der Partei auf. Zwei Jahre später waren die Bemühungen der USA, ein ihnen wohlgesinntes Regime in Bagdad an die Macht zu bringen, endlich von Erfolg gekrönt: Unter erneuter tatkräftiger Mithilfe der CIA und unter maßgeblicher Beteiligung von Saddam Hussein kam die Baath-Partei im Jahr 1968 endgültig an die Macht. Staatschef wurde General al-Bakr, Saddam Hussein sein Stellvertreter. In den Folgejahren brach für den Irak zumindest in wirtschaftlicher und teilweise auch in sozialer Hinsicht tatsächlich fast so etwas wie ein „goldenes Zeitalter“ an. Es gab mit Ausnahme der Erdölindustrie, die 1972 verstaatlicht wurde, eine prosperierende Privatwirtschaft, das Bildungs- und das Gesundheitswesen wurden geradezu mustergültig ausgebaut, den Frauen wurden alle Berufsrechte eingeräumt, Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung boomten. Islamischer Fundamentalismus hatte im Irak der Baath-Partei und im Irak des Saddam Hussein keine Chance. Rechtsstaatlichkeit im europäischen Sinn oder gar politische Freiheiten gab es freilich keine. Der Irak war und blieb eine von der Militärmacht dominierte Diktatur mit einer alles durchdringenden Einheitspartei und einem perfekten Überwachungsapparat. Das Land mit seiner höchst komplizierten und archaischen gesellschaftlichen, ethnischen und religiösen Struktur (zahllose seit Jahrhunderten verfeindete Stammesgesellschaften mit Warlords an der Spitze, große soziale Unterschiede, eine korrupte Oberschicht, im Norden die große, seit jeher unterdrückte und nach Selbstständigkeit strebende ethnische Minderheit der Kurden, im Süden eine schiitische Mehrheit mit dem Hang zu religiösem Fundamentalismus) schien nur mit staatlicher Gewalt und Terror regierbar zu sein. Jeder Anflug von Opposition führte regelmäßig zu blutigen Säuberungsaktionen, Regimegegner wurden brutal unterdrückt, und die Menschenrechte galten im Irak so wenig wie auch anderswo in den Ländern des Mittleren und Nahen Ostens. Und Saddam Hussein erwies sich auch persönlich bei der Verfolgung seiner Feinde als höchst effizient und einfallsreich. Wurden den USA wegen ihrer Förderung und Unterstützung dieses Unterdrückungsregimes gelegentlich Vorwürfe gemacht, so begegnete man diesen im Weißen Haus mit dem schon seinerzeit von Präsident Roosevelt auf den alten südamerikanischen Diktator Somoza gemünzten Zitat: „Wir wissen, dass Saddam Hussein ein Hurensohn ist, aber er ist unser Hurensohn!“ Im Jahr 1979, zur gleichen Zeit, als Saddam Hussein im Irak zum Staatschef avancierte, kam es im Nachbarland Iran zu einer folgenschweren politischen Umwälzung: Das von den USA durch viele Jahre unterstützte prowestliche Regime von Schah Reza Pahlevi wurde gestürzt, und in Teheran kam mit Ayatollah Khomeini ein fundamentalistisches Mullah-Regime an die Macht, das den islamischen Gottesstaat ausrief und auch an seiner Absicht, die „islamische Revolution“ in alle arabischen Nachbarstaaten zu exportieren, keinen Zweifel ließ. Nicht nur Amerika, sondern auch Europa und die gesamte westliche Welt waren daher äußerst froh und glücklich, dass sich Saddam Hussein im Jahr 1980 von den USA ermuntern ließ, gegen die Teheraner Mullahs in den Krieg zu ziehen. Zweiundzwanzig Jahre später freilich sollten von den USA die Notwendigkeit und „dringende Gebotenheit“, Saddam Hussein zu stürzen, ausgerechnet auch damit begründet werden, dass dieser ja in der Vergangenheit „schon zweimal völlig grundlos seine 2Nachbarn überfallen und im Irak-Iran-Krieg annähernd eine Million Tote in Kauf genommen“ habe. Tatsächlich hatte Saddam Hussein diesen Krieg, der bis zum Jahr 1988 dauern sollte, in erster Linie als Stellvertreter für Amerikas Interessen in der Golfregion geführt. Dementsprechend groß war auch die politische, wirtschaftliche und militärische Unterstützung, die insbesondere die USA (aber auch Großbritannien, Frankreich, Deutschland sowie die Sowjetunion) in diesen Jahren Saddam Hussein angedeihen ließen. Die USA stellten dem Irak alle den Iran betreffenden Geheimdienstinformationen inklusive der Ergebnisse ihrer Satellitenaufklärung zur Verfügung und gewährten Saddam darüber hinaus jeglichen Kredit zum Ankauf aller notwendigen Waffen. Die USA halfen Saddam Hussein, sowohl konventionell aufzurüsten, so zum Beispiel das irakische Raketenprogramm zu entwickeln, als auch sein Arsenal von Chemie- und Biowaffen auszubauen. Das US-Wirtschaftsministerium genehmigte durch Jahre hindurch den Export zahlreicher pathogener und toxischer biologischer Substanzen und Erreger in den Irak. Auch die Nährböden für den Milzbranderreger Anthrax kamen direkt aus USMilitärlabors. Was in Halabja geschah Im Jahr 1983 wurde erstmals öffentlich bekannt, dass sowohl die iranische als auch die irakische Armee bei ihren Einsätzen mit chemischen Waffen operierte. Dies hinderte die USA jedoch nicht im Mindesten daran, im Spätherbst desselben Jahres Donald Rumsfeld als Sonderbotschafter des US-Präsidenten zur Intensivierung der militärischen Unterstützung des Irak und zur Vorbereitung der Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen nach Bagdad zu entsenden. Und Donald Rumsfeld höchstpersönlich schüttelte Saddam Hussein damals in aller Herzlichkeit die Hand. Nur wenige Wochen, nachdem Rumsfeld wieder abgereist war, trafen aus den USA eine Großlieferung von Streubomben und sechzig Kampfhubschrauber zur Unterstützung der irakischen Luftwaffe ein. Aber nicht nur um das irakische Kriegsglück war man seitens der USA zu dieser Zeit besorgt. Auch das persönliche Wohlergehen des „Teufels Saddam Hussein“ lag damals dem Weißen Haus so sehr am Herzen, dass sogar der Leibarzt des US-Präsidenten nach Bagdad geschickt wurde, damit er sich der Bandscheibenprobleme annehme, an denen der Diktator litt. Von den fortgesetzten wechselseitigen Giftgaseinsätzen im Irak- Iran-Krieg nahm die Weltöffentlichkeit tatsächlich damals kaum Notiz. Erst in den letzten beiden Jahren, da es ein wesentlicher Faktor in der Propagandastrategie der USA geworden ist, den Provinzdespoten Saddam Hussein zu einem Monster à la Hitler aufzublasen, erfuhr die Welt, was im März 1988 etwa in dem kurdischen Dorf Halabja geschehen war. Unvorstellbar sei die Grausamkeit, mit der der Unmensch Saddam Hussein den Irak regiere, so hörten wir es in den letzten Monaten fast jeden Tag aus dem Mund zahlloser amerikanischer Politiker (von allen Medien weltweit willig rapportiert): Systematisch und vorsätzlich etwa rotte der Diktator – unter Hinweis auf das Dorf Halabja – sein eigenes Volk mit Giftgas aus. Ein Giftgasangriff ist „kein schreckliches Verbrechen“ Tatsächlich war Folgendes geschehen: Am 16. März 1988, wenige Monate vor Kriegsende, kam es auf kurdischem Gebiet im Nordosten des Irak nahe dem Dorf Halabja zu erbitterten Kämpfen zwischen der irakischen Armee und den Iranern, die durch die (wieder einmal aufständischen) Kurden massive Unterstützung fanden. Und wieder gingen augenscheinlich beide Kriegsparteien mit Giftgas aufeinander los. Bei den grausamen Kämpfen kamen auf beiden Seiten, je nach Quelle, zwischen drei- und fünftausend Menschen, darunter auch zahlreiche Zivilisten, Frauen und Kinder, auf schreckliche Weise um. Wie ging man nun damals in Amerika mit diesem Vorfall um, der von verschiedenen Menschenrechtsgruppen dokumentiert worden war? Den großen US-Medien war die Affäre kaum der Berichterstattung wert, doch immerhin gelang es schließlich, dass im USSenat ein Beschluss beantragt wurde, demzufolge aufgrund der Vorfälle von Halabja die US-Regierung aufgefordert werden sollte, jede weitere politische und militärische Unterstützung des irakischen Regimes einzustellen. Doch dazu kam es nicht, denn sowohl im Weißen Haus als auch im Pentagon war man der Ansicht, dass ein derartiger Beschluss den Interessen der USA zuwiderliefe. Das State Department rang sich immerhin noch eine dürre Stellungnahme ab: „Die USA verurteilen den Einsatz chemischer Waffen, wo immer dies auch geschieht, auf das Schärfste.“ Der damalige US-Botschafter in Bagdad, Edward Peck, kommentierte jüngst die Vorgangsweise seiner Regierung so: „Der Giftgasangriff war damals für die USA kein schreckliches Verbrechen.“ Doch nicht genug damit. Um weiteren allfälligen Vorwürfen zu entgehen, schaltete das Pentagon seinen militärischen Geheimdienst DIA (Defense Intelligence Agency) ein. Eine Untersuchungsgruppe wurde in den Nordirak entsandt. In ihrem abschließenden Bericht kam die DIA damals zu dem Schluss, dass aufgrund der an den Leichen festgestellten Symptome als erwiesen anzunehmen sei, dass die Menschen in Halabja nicht, wie von kurdischen politischen Gruppierungen behauptet, durch einen Chemiewaffenangriff der Iraker, sondern durch ein von den Iranern eingesetztes Giftgas umgekommen seien. Was letztendlich die Wahrheit ist, wird man wohl nie erfahren. Man darf jedoch annehmen, dass es sehr wohl irakisches Giftgas war und der Geheimdienstbericht lediglich der Irreführung diente. So konnte aber jedenfalls auch noch nach den Vorfällen von Halabja US-Außenminister James Baker am 12. Oktober 1989 an seinen irakischen Kollegen Tareq Aziz guten Gewissens einen sehr freundlichen Brief schreiben: „Sehr geehrter Herr Minister … Ich fand unser Treffen außerordentlich nützlich … Breitere und tiefere Beziehungen mit dem Irak auf der Basis gegenseitigen Respekts, das ist die Politik des Präsidenten. In diesem Zusammenhang hat mich der Präsident ersucht, Ihnen und durch Sie Präsident Hussein auf kürzestem Weg mitzuteilen, dass die USA an keinem Versuch der Schwächung oder Destabilisierung des Irak beteiligt sind.“ Eine Freundschaft geht zu Ende Erst als Saddam Hussein ein weiteres Jahr später erstmals zu erkennen gab, dass er nicht länger ausschließlich die Interessen von Amerika zu vertreten geneigt war, und als er seine Truppen am 2. August 1990, um einen Grenzstreit zu beenden, in das kleine Emirat Kuwait einmarschieren ließ, endete die langjährige Freundschaft und politische Beziehung zwischen „dem blutrünstigsten, gefährlichsten Diktator aller Zeiten“ und den USA abrupt. Embargo: der wahre Völkermord Der erste Golfkrieg, der von der UNO sanktioniert war, um „Kuwait zu befreien“ und dem korrupten Scheichtum „die Demokratie zu bringen“, begann im Jänner 1991 und dauerte 43 Tage. Dass das UNO-Mandat schon damals nur durch Bestechung einzelner Mitgliedsländer des Sicherheitsrats zustande kam, steht auf einem anderen Blatt. Und auch, dass Kuwait heute, zwölf Jahre später und entgegen dem US-Versprechen, noch immer eine korrupte Diktatur ist. Von Demokratie, die die Amerikaner bringen wollten, kann keine Rede sein. Der Irak war damals schon ein schwacher Gegner, der nach dem achtjährigen Krieg gegen den Iran längst ausgeblutet war. Nachdem die Amerikaner und die Briten sechs Wochen lang rund 90 000 Tonnen Bomben und Raketen auf Bagdad abgefeuert hatten, dauerte es noch genau fünf Tage, bis die irakische Armee aus Kuwait vertrieben und erledigt war. Auf ihrem Rückzug durch die Wüste wurden rund 150 000 irakische Soldaten abgeschlachtet. An eine Eroberung des Landes war damals nicht gedacht. Erstens gab es dafür kein UN-Mandat, und für George Bush senior hatte die alte Weltordnung noch ihre Gültigkeit. Und zweitens wäre auch Saudi-Arabien nicht bereit gewesen, die Pläne der USHardliner im Pentagon zu unterstützen, die auch damals schon die Absicht hatten, aus dem Irak ein US-Protektorat zu machen. US-Verteidigungsminister war damals übrigens Dick Cheney, der heutige Vizepräsident. So machten die Amerikaner das Beste aus der Situation, die ihnen immerhin erlaubte, ihre Militärpräsenz in Saudi-Arabien und in Kuwait aufrechtzuerhalten. Und um das Regime in Bagdad wenigstens noch weiter zu schwächen, versuchten die Spezialisten von der CIA, ehe sich die US-Truppen aus dem Irak zurückzogen, einen Bürgerkrieg zu inszenieren, indem sie sowohl die Kurden als auch die Schiiten zu Aufständen gegen die Sunniten um Saddam Hussein aufriefen. Bei den darauf folgenden Kämpfen der irakischen Staatsmacht gegen die Aufständischen kamen noch einmal rund 10 000 Zivilisten um. Diese Toten, die man heute selbstverständlich Saddam Hussein anlastet, müssten genau genommen eigentlich der US-Regierung zugerechnet werden. Am 6. April 1991 akzeptierte die irakische Regierung die vom Sicherheitsrat der UNO beschlossene Resolution 687. Der Irak musste sich zur Abrüstung und zum Verzicht auf die weitere Herstellung von Langstreckenraketen (mit einer Reichweite von mehr als 150 Kilometern) und insbesondere zum Verzicht auf die Produktion von ABC-Waffen verpflichten. Vorhandene Systeme, die unter das Verbot fielen, waren unter UNO-Aufsicht zu vernichten. Ohne Zustimmung durch die UNO, sondern aus eigener Machtvollkommenheit dekretierten die USA und Großbritannien als Siegermächte darüber hinaus ab dem Jahr 1992 im Irak so genannte Flugverbotszonen, die den gesamten Süden des Landes sowie das von den Kurden besiedelte Gebiet im Norden umfassten. Den Kurden wurde überdies von der irakischen Zentralregierung eine weitgehende Autonomie eingeräumt. Die Kurden konnten eine Selbstverwaltung aufbauen, die sie noch nie zuvor besaßen, und hatten auch ihr eigenes regionales Parlament. Ruhe herrschte in Irakisch-Kurdistan aber dennoch auch in den letzten zehn Jahren nicht, weil sich auch die beiden kurdischen Parteien gegenseitig bis aufs Blut bekämpften. Außerdem beanspruchten die Kurden auch die ölreichen Gebiete um die Städte Mosul und Kirkuk, deren Inbesitznahme ihnen die finanzielle Grundlage für die Gründung eines eigenen Kurdenstaats böte. In den Jahren 1991 bis 1998 wurden im Irak umfangreiche Waffeninspektionen durch die UNO durchgeführt. Zahlreiche Labors und Produktionsstätten für bakteriologische und chemische Kampfstoffe wurden zerstört. Tonnenweise wurden auch Chemikalien vernichtet, die hiefür Verwendung finden könnten. Zerstört wurden auch sämtliche Raketensprengköpfe, auch wenn sie nur die grundsätzliche Eignung hatten, mit verbotenen Kampfstoffen ausgerüstet zu werden. Die zum Teil erst in den Jahren 1995 bis 1998 aufgrund von Hinweisen durch geflüchtete Wissenschaftler entdeckten alten Produktionsanlagen waren ebenfalls längst stillgelegt und hatten, wie selbst die UNO-Waffeninspektoren immer wieder einräumten, in Wahrheit keinerlei Gefahr mehr dargestellt. Das irakische Atomwaffenprogramm war schon zu Beginn der Waffeninspektionen seit langem eingestellt. Die Internationale Atomenergiebehörde führte bis zuletzt auch regelmäßige Kontrollen durch. Für eine Wiederaufnahme eines Atomwaffenprogramms konnte niemals auch nur der geringste Hinweis gefunden werden. Den einzigen irakischen Atomreaktor, der ausschließlich der zivilen Nutzung diente, hatte die israelische Luftwaffe bei einem völkerrechtswidrigen Bombardement im Jahr 1981 zerstört. Für diesen Angriff, der ohne jeden Anlass erfolgt war, wurde Israel vom UN-Sicherheitsrat auch verurteilt. An Langstreckenraketen mit einer Reichweite von bis zu 600 Kilometern hatte der Irak ursprünglich über 819 Stück verfügt. Nach dem Golfkrieg waren nach irakischen Angaben und Aufzeichnungen noch 117 Stück einsatzfähig. Diese 117 wurden unter UNO-Aufsicht einschließlich aller Abschussrampen zerstört. Nach Ansicht der Amerikaner sollte der Irak jedoch nach dem Golfkrieg noch 119 Stück besessen haben. Der Verbleib von zwei (!) Raketen blieb demnach ungeklärt. Waffeninspektionen oder Spionage? So erfolgreich tatsächlich die Waffeninspektionen in den Jahren bis 1998 auch gewesen sind, so wenig kann man freilich sagen, dass die „Kooperationsbereitschaft“ des irakischen Regimes und Saddam Husseins mit den UNO-Organen besonders groß gewesen sei. Dies lag aber nicht zuletzt auch an der „Sanktionspolitik“ Amerikas und Großbritanniens und an der Art und Weise ihrer „militärischen Druckausübung“. Wann immer insbesondere die Amerikaner Lust hatten, Bagdad oder eine andere Stadt zu bombardieren, so taten sie es. Im Juni 1993 behauptete die CIA, die irakische Regierung plane, George Bush senior zu ermorden. Also wurde „strafweise“ die irakische Geheimdienstzentrale bombardiert. Zugleich versuchten die Amerikaner ihrerseits immer wieder, mithilfe irakischer Offiziere Putschversuche gegen das Regime zu organisieren, um sich dann bitter zu beklagen, wenn Saddam Hussein die Verschwörer hinrichten ließ. Eine besondere Rolle war bei den fortwährenden Bemühungen der USA, einen Umsturz im Irak herbeizuführen, dem so genannten irakischen Oppositionsführer Ahmed Chalabi zugedacht. Dieser hatte den Irak bereits im Jahr 1958 im zarten Alter von 13 Jahren verlassen. Nachdem Chalabi im Jahr 1991 in Jordanien wegen Bankbetrugs zu 22 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war (seine beiden Brüder wurden erst vor zwei Jahren in der Schweiz wegen Bilanzfälschung verurteilt), erschien er einigen Leuten im Umfeld der US-Administration als der geeignetste Mann, um die Nachfolge von Saddam Hussein anzutreten. Zunächst nahmen ihn CIA-Chef James Woolsey sowie die beiden heutigen Pentagon-Chefs Donald Rumsfeld und Paul Wolfowitz unter ihre Fittiche, dann kam er als „Berater“ auf die Lohnliste von Vizepräsident Dick Cheneys Ölunternehmen Halliburton. Danach wurde unter Zuhilfenahme von 100 Millionen Dollar, die die US-Regierung zur Verfügung stellte, der so genannte „Irakische Nationalkongress“ (INC) gegründet und in London etabliert. Dass Chalabi in der Folge mehrfach in Verdacht geriet, sich auch an den reichlichen Geldmitteln des INC zu vergreifen, um sich persönlich zu bereichern, tat seiner angeblichen Eignung für eine politische Spitzenfunktion im Irak bis jetzt nicht den geringsten Abbruch. Tatsächlich ist Ahmed Chalabi heute offiziell als Amerikas Wunschkandidat für die Position eines irakischen Ministerpräsidenten vorgesehen. Die Hoffnungen auf einen Bürgerkrieg Dieses Vertrauen erwarb sich der „Führer der irakischen Opposition“ insbesondere durch seine Unterstützung der zahlreichen von der CIA lancierten Putschversuche in den Jahren 1995 bis 1999. Von der CIA ausgebildete, bezahlte und betreute Killerkommandos unternahmen während dieser Zeit auch mehrere erfolglose Attentatsversuche gegen Saddam Hussein und seine beiden Söhne. Eine besondere Spezialität der Amerikaner bestand auch darin, Agenten ihrer Geheimdienste der UNO als „Waffeninspektoren“ anzudienen. Tatsächlich waren diese insbesondere ab 1996 weniger am Aufspüren allenfalls noch vorhandener verbotener Waffen im Irak interessiert, sondern vielmehr an der möglichst lückenlosen Auskundschaftung der gesamten militärischen Infrastruktur des Irak. So wurden vor allem auch die Koordinaten aller strategisch wichtigen zivilen Anlagen und Kommunikationseinrichtungen festgestellt, um bei den anschließend geplanten Bombenangriffen die Zielgenauigkeit entsprechend zu erhöhen. Ende 1997 eskaliert die Situation einmal mehr. Die USA verlangen plötzlich, dass auch die privaten Wohnsitze und die Paläste des Diktators inspiziert werden müssten. Saddam Hussein weigert sich und weist darüber hinaus einige US-Spione unter den Waffeninspektoren aus. Als Vergeltungsmaßnahme planen die USA einen sofortigen Militärschlag. Dieser wird im Sicherheitsrat abgelehnt, über Betreiben der USA droht die UNO aber mit „ernsthaften Konsequenzen“, falls die Arbeit der Waffeninspektoren weiterhin behindert werde. Der Irak gibt schließlich nach und lässt auch Saddams Paläste inspizieren, ersucht jedoch gleichzeitig, in absehbarer Zeit ein Ende dieser „Inspektionen“ festzulegen, weil man sie in der Zwischenzeit nur noch als „Schikanemaßnahmen der USA“ empfindet. Die USA beantworten diesen Vorstoß des Irak im Februar 1998 mit vermehrten Bombardierungen innerhalb der Flugverbotszonen und einer Verstärkung ihrer militärischen Präsenz am Golf. Der russische Präsident Boris Jelzin warnt die USA vor einem Angriff und spricht von der Gefahr eines Weltkriegs. Im Oktober 1998 verstärken die USA ihre Truppen am Golf erneut und verlangen im November plötzlich, den Waffeninspektoren den ungehinderten Zugang in die Büros der Baath-Partei zu gewähren. Der Irak weigert sich, weil dies keine „Waffeninspektion“ mehr sei. Nachdem bereits die ersten US-Bomber aufgestiegen sind, lenkt Saddam Hussein erneut ein und lässt einmal mehr das demütigende Ritual einer angeblichen Suche nach Massenvernichtungswaffen in den Parteibüros über sich ergehen. In seinem Abschlussbericht an die UNO vermerkte der Chef des Waffeninspektionsteams, Butler, einige Wochen später dennoch, die irakische Regierung habe „die versprochene volle Kooperation nicht erfüllt“. Im Dezember 1998 verließen die UNO-Mitarbeiter plötzlich Hals über Kopf den Irak. Sie wurden allerdings nicht, wie später immer wieder fälschlich behauptet werden wird, von Saddam Hussein ausgewiesen, sie wurden vielmehr von der UNO abgezogen, weil die USA wieder einmal den Startschuss für eine Bombardierung von Bagdad gegeben hatten. Die „Operation Wüstenfuchs“ dauerte vier Tage lang. 35 Zivilisten, vor allem Frauen und Kinder, wurden bei den Bombenangriffen getötet, hunderte Personen zum Teil schwer verletzt. Zu einer Fortsetzung der Waffeninspektionen kam es danach nicht mehr, weil Frankreich, Russland und China im Sicherheitsrat keine Zustimmung mehr erteilten. Fortgesetzt wurden lediglich die regelmäßigen illegalen Bombardements. Jede Radareinrichtung, jede Flugabwehrstellung, 19 Gehört Bush vor ein Kriegsverbrechertribunal? alles, was nach militärischer Stellung aussah, wurde auch in den Folgejahren bombardiert. Als die irakische Flugabwehr berechtigterweise ein über dem Irak eingesetztes unbemanntes Spionageflugzeug der Amerikaner abschießt, wird zur Strafe die zivile Radaranlage des Flughafens Basra bombardiert. Die Stadt Basra wurde bereits zuvor einmal bombardiert, wobei elf Zivilisten starben. Insgesamt forderten die durch kein einziges Mandat der UNO gedeckten fortlaufenden Luftangriffe auf den Irak, die eine permanente Völkerrechtsverletzung durch die USA und teilweise auch durch Großbritannien darstellten, allein im Jahr 1999 insgesamt 144 zivile Todesopfer und annähernd 500 Verletzte. Präsident George Bush junior wird später nonchalant erklären, das seien „Routineangriffe“ gewesen. Die mörderischen Folgen des Embargos Noch wesentlich schwerwiegender traf die irakische Bevölkerung indessen eine andere der von den USA und Großbritannien betriebenen Sanktionen. Dem Irak war schon im Jahr 1991 mit Recht jedwede Einfuhr von Kriegsmaterialien verboten worden. Im Jahr 1992 setzten die USA aber eine weitere UNO-Resolution durch, durch die ein absolutes Handelsembargo erlassen wurde, was einer Art „Morgenthau- Plan“ für den Irak entsprach. Durch dieses Import- und Exportverbot sollte das ohnehin geschwächte Land entindustrialisiert werden, und seine 23 Millionen Einwohner sollten im Lauf der Jahre so verarmen, dass es zum gegebenen Zeitpunkt keiner großen militärischen Anstrengung mehr bedürfen würde, es in ein US-Protektorat umzuwandeln. Das muss man sich vorstellen: Da ist ein an sich reiches Land, das noch dazu eines der auf den Weltmärkten begehrtesten Produkte, nämlich Öl, im Überfluss besitzt. Aber es darf dieses Öl nicht verkaufen, weil dies durch eine menschenverachtende Außenpolitik nicht nur der USA, sondern auch zahlreicher anderer Länder, die hier willfährig mitgemacht haben, verhindert wird. Die Menschen müssen hungern, die Trinkwasserversorgung, vor allem aber auch die medizinische Versorgung bricht zusammen, weil die zu deren Aufrechterhaltung notwendigen Güter, Maschinen, medizinischen Geräte und selbst Medikamente nicht importiert werden dürfen. Auch wenn ab dem Jahr 1997 die verheerenden Folgen des Embargos durch das „Oil for Food“-Programm der UNO etwas abgemildert werden konnten, blieben dessen Auswirkungen dennoch grundsätzlich bestehen. Ab diesem Zeitpunkt durfte der Irak eine bestimmte (kleine) Menge seines Öls verkaufen. Für den Erlös, der auf ein von der UNO verwaltetes Konto eingezahlt werden musste, durfte der Irak dann bestimmte lebensnotwendige Güter importieren. Aber die USA setzten auch weiterhin alles daran, um selbst dieses Programm zu torpedieren, indem man die Zustimmung zum Import lebensnotwendiger Güter entweder, so lange es ging, verzögerte oder gleich ganz verweigerte, sodass vor Kriegsausbruch rund 30 Milliarden Dollar (Geld des Irak) noch ungenutzt auf UNOKonten lagen. Obwohl vor allem im Süden des Irak durch die von den USA schon 1991 verwendete Uran-Munition (die selbstverständlich auch in diesem Krieg ohne Hemmung wieder eingesetzt worden ist) und deren radioaktive Strahlung insbesondere bei Kleinkindern die Krebserkrankungsrate um bis zu dreißig Prozent angestiegen war, unterlagen die zur Behandlung notwendigen Medikamente einem Importverbot. Weil die zur Wasseraufbereitung erforderlichen Geräte und Chemikalien nicht importiert werden durften, häuften sich die Fälle von Cholera, Hepatitis, Typhus und ähnlichen Erkrankungen. Die Kindersterblichkeit nahm in der Zeit zwischen 1992 und 2002 um ein Vielfaches zu. Eine Million tote Kinder: „Das ist den Preis schon wert“ Nach übereinstimmender Schätzung von UNICEF und anderen Organisationen starben im Irak in den vergangenen zwölf Jahren Monat für Monat mindestens 5000 Kleinkinder durch die mangelhafte medizinische Versorgung, deren Ursache das Embargo war. Insgesamt ist zufolge einer von der WHO veröffentlichten Studie der Tod von bis zu 1,6 Millionen Menschen im Irak (davon eine Million Kinder) auf die von den USA betriebenen Sanktionen zurückzuführen. Das kommt einem Genozid zumindest nahe. 21 Gehört Bush vor ein Kriegsverbrechertribunal? Der UNO-Diplomat und in den Jahren 1998 bis 2000 Leiter des „Oil for Food“-Programms, Hans-Christof Graf von Sponeck, trat aus Protest gegen diese Politik der USA von seiner Position zurück und verfasste nun ein Buch mit dem Titel „Irak. Chronik eines gewollten Krieges. Wie die Weltöffentlichkeit manipuliert und das Völkerrecht gebrochen wird“. Aber auch Sponecks Vorgänger in dieser Position, der stellvertretende UNO-Generalsekretär Denis Halliday, war schon 1998 ebenfalls aus Protest zurückgetreten, weil er in dieser Vorgangsweise „einen Verstoß gegen das Völkerrecht und einen Akt des Völkermordes“ sah. Nun könnte man meinen, dass den verantwortlichen US-Politikern die Tragweite ihrer Außenpolitik unter Umständen gar nicht bewusst gewesen sei, dass es sich bei diesem Genozid sozusagen um einen unbeabsichtigten „Kollateralschaden“ gehandelt habe. Doch dies ist ohne Zweifel nicht der Fall. Denn schon zu Jahresbeginn 1996 hatte die UNICEF dokumentiert, dass bis zu diesem Zeitpunkt bereits 500 000 Kinder im Irak durch die Sanktionen ihr Leben verloren hatten. Von einer Fernsehjournalistin wurde daraufhin die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright am 12. Mai 1996 auf diese Studie angesprochen und gefragt, ob das Ziel der US-Außenpolitik denn diesen hohen Preis an Menschenleben wert sei. Immerhin seien dadurch bereits mehr Kinder getötet worden als durch den Abwurf der amerikanischen Atombombe auf Hiroshima. Die wohl überlegte Antwort der Ministerin lautete: „Ich denke, das ist eine sehr schwierige Entscheidung, aber es ist – ja, wir glauben, dass es den Preis wert ist.“ |
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„Ich weine um Amerika“, hat der greise US-Senator Robert Byrd, als Dienstältester „der Vater des Senats“ genannt, an jenem Tag im Spätherbst des Vorjahres erklärt, an dem George W. Bush endgültig grünes Licht für seinen Angriffskrieg gegen den Irak erhielt. Byrds Erkenntnis, dieser Krieg markiere „einen Wendepunkt in der Weltgeschichte“, und auch seine Warnung, dieser „Präventivkrieg“ sei eine „Verdrehung der traditionellen Idee vom Recht eines Volkes auf Selbstverteidigung und ein klarer Verstoß gegenjedes Völkerrecht“, blieb freilich ungehört. Die Kriegstrunkenheit der politischen „Eliten“ in Amerika, in Großbritannien, aber auch in vielen kontinentaleuropäischen Ländern hatte zu diesem Zeitpunkt längst ein solches Ausmaß angenommen, dass eine Umkehr nicht mehr denkbar schien. Es gab zu viele Drahtzieher und Profiteure, die diesen Krieg um jeden Preis herbeiführen wollten. Einer der heftigsten Betreiber, James Woolsey, ehemaliger Direktor der CIA, vermochte seine Freude kaum zurückzuhalten, dass „Amerika innerhalb von hundert Jahren zum vierten Mal wieder marschiert“. Und dieser Krieg sei erst der Beginn, sagte er Anfang April dieses Jahres bei einem öffentlichen Vortrag in Los Angeles, mit dem Irak-Krieg habe vielmehr auch der „vierte Weltkrieg“ angefangen, wobei er den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion als dritten Weltkrieg zählt. Aber warum, in wessen Interesse wurde der Irak-Krieg eigentlich geführt? Ein Krieg für Israel? Mitte März dieses Jahres, knapp vor Beginn des Krieges, beging der US-Kongressabgeordnete James Moran aus Virginia etwas, was sowohl in Europa als auch in den USA als unverzeihlicher Tabubruch gilt. Er sagte in Bezug auf den Irak-Krieg: „Ohne die starke Unterstützung der jüdischen Gemeinde würde es diesen Krieg nicht geben.“ Selbstverständlich wurde der Abgeordnete sofort des „Antisemitismus“ überführt. Binnen weniger Tage war der Mann medial erledigt und musste seine Führungsämter im Kongress abgeben. Es half ihm wenig, dass noch vor ein paar Monaten selbst in der „Washington Post“ der Kommentator Arnaud de Borchgrave die neue amerikanische Außenpolitik als „Bush-Sharon-Doktrin“ beschrieb und meinte: „Seitdem Bush angelobt worden ist, haben Washingtons ‚Likudniks‘ die US-Politik im Nahen Osten gesteuert.“ Auch der konservative ehemalige US-Präsidentschaftskandidat Pat Buchanan hatte in seinem Magazin „The American Conservative“ bereits geschrieben, dass „eine kleine Clique von Leuten“, die sich fälschlicherweise Neokonservative nennen, versuchen würden, „unser Land in eine Serie von Kriegen zu verwickeln, die nicht in Amerikas Interesse sind. Was diese Leute wollen, ist, Amerika zu verpflichten, mit amerikanischem Blut die Welt für Israel sicher zu machen. Sie wollen dem Islam den Frieden des Schwertes aufzwingen und, wenn nötig, dafür amerikanische Soldaten sterben lassen. Sie wollen das amerikanische Empire und die ‚Sharonites‘ die Vorherrschaft im Nahen Osten.“ Dass das Drehbuch für den Irak-Krieg (siehe Seite 31, „Die Weltbeherrschungsfantasien“) von den beiden jüdischen Intellektuellen Paul Wolfowitz und Lewis Libby schon vor Jahren entworfen worden ist, mag Zufall sein. Und ebenso, dass mehr als zwei Drittel aller Gründungsmitglieder des „Project for the New American Century“, das den Irak-Krieg ab dem Jahr 1997 zielstrebig betrieb und dessen Rolle noch im Detail beschrieben werden wird, bekennende Zionisten sind. Über einen der bedeutendsten Kriegstreiber, Richard Perle, schrieb Stephen Isaacs in „Die Juden und die amerikanische Politik“ schon 1974: „Richard Perle und Morris Amitay kommandieren eine kleine Armee von Philosemiten im amerikanischen Kongress, und sie steuern den jüdischen Einfluss im Interesse Israels.“ Richard Perle, zuletzt als Leiter des Defense Policy Board im Pentagon der Chefberater Donald Rumsfelds, hatte bereits zahlreiche Funktionen inne: Vom Direktor der „Jerusalem Post“ stieg er zum Berater der israelischen Regierung auf, war zwischendurch stellvertretender US-Verteidigungsminister, geriet unter Verdacht, für Israel Spionage zu betreiben, und erhielt nachweislich Zahlungen von israelischen Waffenproduzenten. Zwei Wochen nach Beginn des von ihm maßgeblich mitbetriebenen Irak-Kriegs sah er sich allerdings gezwungen, seine Vorsitzfunktion im Pentagon-Beraterstab zurückzulegen, weil ruchbar wurde, dass er gerade dabei war, von einer Firma, der er kraft seiner politischen Funktion Vorteile verschafft hatte, 700 000 Dollar Schmiergeld zu kassieren. Im Jahr 1996 empfahlen Richard Perle und sein Freund David Wurmser, der heute als „Spezialassistent“ im US-Außenministerium sitzt, der israelischen Regierung, im Konflikt mit den Palästinensern den Friedensvertrag von Oslo loszuwerden und eine neue Strategie zu entwickeln, um die Vorherrschaft Israels im Nahen Osten abzusichern. Wurmser, Professor am einflussreichen American Enterprise Institute, entwarf 1997 „Eine Strategie für Israel“ und empfahl der israelischen Regierung die Wiederbesetzung aller unter der Kontrolle der Palästinenser stehenden Gebiete, „auch wenn der Preis in Blut sehr hoch“ sein werde. Am 26. Jänner 1998 forderten wiederum zahlreiche Mitglieder des „Project for the New American Century“ US-Präsident Bill Clinton auf, in seiner Rede zur Lage der Nation die Erklärung abzugeben, dass die Beseitigung von Saddam Hussein mit militärischer Gewalt ein Ziel der amerikanischen Außenpolitik sei. Von Saddam drohe „Gefahr für die USA, für Israel und für einen bedeutenden Teil der Welt-Ölvorräte“. Unterzeichnet war der Brief unter anderen von Paul Wolfowitz, Richard Perle, William Kristol, Robert Kagan, John Bolton, Bill Bennett und Elliott Abrams. Kurz bevor George W. Bush im Februar 2001 das Präsidentenamt antrat, stellte sich zunächst wieder David Wurmser mit einem „gemeinsamen Kriegsplan für die USA und Israel“ ein. Die beiden Länder sollten den Nahostkonflikt ausweiten, um danach „die Zentren des Radikalismus (die Regime in Bagdad, Damaskus, Tripolis, Teheran und Gaza) nicht bloß zu entwaffnen“, sondern sie „tödlich zu treffen“. Das würde in der Region „die Erkenntnis reifen lassen, dass ein Konflikt mit den USA oder mit Israel Selbstmord ist“. Um den gewünschten Krieg bald führen zu können, forderte Wurmser sowohl Israel als auch die USA auf, nach einer Krise Ausschau zu halten, denn „eine Krise kann ein Vorwand sein“. Georg W. Bush: Gott spricht zu ihm Auch in Österreich wurde vor Kriegsausbruch monatelang in allen Medien über die „wahren Gründe“, die Amerika damit verfolge, diskutiert. Bemerkenswerterweise kam das Wort „Israel“ in der Debatte praktisch niemals vor. Da musste man schon den Zürcher „Tagesanzeiger“ zur Hand nehmen, um zu erfahren, worin etwa der österreichische Philosoph Rudolf Burger die Gründe für den Irak-Krieg sah: „In jüngster Zeit ist in den USA die Israel-Lobby sehr mächtig geworden, die politisch von den moralischen Zinsen des Holocaust- Kapitals lebt. Besonders in der Republikanischen Partei, wo sich neben fundamentalistischen evangelischen Christen auch immer mehr reaktionäre Juden engagieren. Und dass diese Kreise auch die Position des rechten Likud in Israel vertreten, liegt auf der Hand. Wir haben es also mit einer einmaligen Interessenkoalition im amerikanischen Regierungsapparat zu tun: der Öllobby, der jüdischen Lobby, die vor allem im Pentagon eine große Rolle spielt, und den fundamentalistischen Evangelikalen am rechten Flügel der Partei, die im Grunde antisemitisch, aber zionistisch sind. Erst ihre Konvergenz erklärt die irrwitzig erscheinende Irak- Politik der USA.“ Dass George Bush jun. Mitglied einer in den USA sehr weit verbreiteten pseudochristlichen Sekte ist, die sich „Methodisten- Kirche“ nennt, ist allgemein bekannt. Billy Graham hat ihn seinerzeit „bekehrt“. Ein knappes Wochenende, das der ehemals schwer alkoholabhängige George Bush über Vermittlung seiner Frau Laura mit dem weltweit bekannten Fernsehprediger verbringen durfte, hat hiefür genügt. „Als Ergebnis unserer Gespräche und seiner Inspiration sah ich in mein Herz und verschrieb mein Leben Jesus Christus“, vertraut Bush seit diesem Tag jedem Reporter, der es hören möchte, an. Und er glaubt seither auch fest daran, im Dienste einer göttlichen Mission zu stehen, daher richte er jede seiner Handlungen ausschließlich nach der Frage aus: „Was würde Jesus tun?“ Im Jahr 2000 schließlich glaubte George Bush allen Ernstes, dass Gott selbst zu ihm gesprochen und ihn aufgefordert habe, sich um das Amt des Präsidenten zu bewerben. In der Endrunde des Wahlkampfs, während der TV-Konfrontation mit seinem Kontrahenten vom Moderator über den von ihm bevorzugten politischen Philosophen befragt, antwortete George Bush denn auch ohne zu zögern: „Jesus Christus.“ Ob Gott auch seine Hände im Spiel hatte, als Bush dann bei der Wahl zwar nicht genügend Stimmen vorzuweisen hatte, es aber schließlich trotzdem schaffte, Präsident zu werden, ist nicht überliefert. Dieses „Kunststück“ dürfte er wohl eher seinem Bruder Jeb als Gouverneur von Florida, einigen bestochenen Mitgliedern der Wahlkommission sowie korrupten Richtern zu verdanken haben. Es bestärkte ihn jedoch in seiner Überzeugung, „von Gott auserwählt“ worden zu sein, „um diese Welt von allem Bösen zu befreien“. Seit George Bush im Amt ist, weiß die Welt: Er studiert die Bibel jeden Tag, er betet regelmäßig, und auch die Sitzungen des Kabinetts im Weißen Haus eröffnet der Präsident mit jeweils passenden Zitaten aus seinem evangelikalen Gebetbuch. Auch nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 suchte George Bush in der Bibel Rat, und er fand ihn: „Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht.“ Und in seiner Rede zur Lage der Nation versicherte der Präsident: „Wir kennen die Wege der Vorsehung nicht, und doch können wir ihr vertrauen!“ Auch in seiner Fernsehansprache vom 29. Jänner des darauf folgenden Jahres, als der Afghanistan-Krieg noch im vollen Gange und der Irak-Krieg schon beschlossene Sache war, verkündete George Bush dem amerikanischen Volk: „Wir haben Wahrheiten gefunden, die wir nie mehr infrage stellen werden: Das Böse ist Wirklichkeit, und wir müssen es bekämpfen. Gott ist nahe!“ Soweit ein kleines Streiflicht auf die Befindlichkeiten jenes Mannes, in dessen Händen das Schicksal der größten Macht der Erde liegt. Man muss nicht so weit gehen, wie dies der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass getan hat, als er sagte: „Sogar die Sprache von Präsident Bush nähert sich der Sprache des Terroristen Osama bin Laden an. Beide nehmen Gott in Geiselhaft, um ihre schrecklichen Ziele zu unterstützen.“ Tatsächlich hat jedoch noch nie ein Staatsmann je zuvor in der jüngeren Geschichte seine fundamentalistischen und pseudoreligiösen Wahnvorstellungen derart penetrant zur Schau gestellt, noch nie zuvor hat ein Politiker sich so oft auf die so genannte „Vorsehung“ berufen. Der Letzte, der dies in vergleichbarer Weise getan hat, war ein gewisser Adolf Hitler. Ölinteressen und Wirtschaftskriminalität In den Monaten vor Kriegsausbruch hatte man das Missvergnügen, sich in zahllosen TV-Diskussionen aus dem Munde kriegsbegeisterter „politischer Experten“ die tausend Gründe anhören zu müssen, warum dieser Krieg „auf jeden Fall und unbedingt“ geführt werden soll. Wann immer im Verlauf der Diskussion der meistens einzige Kriegskritiker in einer solchen Runde das Wörtchen „Öl“ als wahren Grund erwähnte, verdrehten die US-Vasallen ihre Augen, seufzten tief und meinten: „Nicht schon wieder!“ Sie könnten dieses „dumme Argument“ schon nicht mehr hören. Die unbestreitbare Tatsache, dass der Irak zufällig auch über die zweitgrößten Erdölvorkommen der Welt verfüge, spiele doch in Wirklichkeit nicht die geringste Rolle. So war es denn wohl auch nur Zufall, wie sich die US-Armee nach der Besetzung von Bagdad verhielt, als dort vor lauter „Freude und Begeisterung“ über die Befreiung vom Saddam- Regime organisierte Banden, teilweise von den US-Truppen unterstützt, zu plündern und zu brandschatzen begannen. Nichts blieb verschont: kein Krankenhaus, kein öffentliches Amt und auch nicht das Nationalmuseum. Kulturgüter von unschätzbarem Wert wurden geraubt, zerstört, vernichtet. Auch alle Ministerien brannten. Mit einer einzigen Ausnahme: Das irakische Ölministerium blieb verschont. Es war das einzige Gebäude, das zu beschützen den US-Truppen in Bagdad befohlen worden war. Und offenbar ist es auch reiner Zufall, dass fast alle, die zurzeit im Weißen Haus das Sagen haben und die sich als die vehementesten Kriegstreiber profilierten, mit der Öl-, aber auch der Rüstungsindustrie engstens verflochten und verbunden sind. Schon der Vater des derzeitigen Präsidenten, George Bush sen., hatte im Jahr 1960 seine erste Ölgesellschaft gegründet und Bohrrechte in Kuwait ausgehandelt. Zeitgleich mit dem Beginn des ersten Golfkriegs verkaufte er seine Aktien und erlöste dafür ein Vermögen in Höhe von einer Milliarde Dollar. Heute ist George Bush sen. Mitinhaber der berühmten Carlyle Group, die Beteiligungen in Milliardenhöhe bei Öl- und Rüstungsfirmen unterhält und an der bis zum 11. September 2001 im Übrigen auch Mitglieder der Familie von Osama bin Laden beteiligt waren. George Bush jun. war in den Jahren 1989 bis 1994 Vorstandsmitglied in der Carlyle Group. Eine seiner ersten Handlungen nach seinem Amtsantritt als Präsident bestand in der Unterzeichnung eines 12 Milliarden Dollar schweren Auftrags für ein neues Artilleriesystem an die Carlyle Group. Schon 1979 aber hatte Bush jun. versucht, es seinem Vater nachzumachen, und eine eigene Ölfirma gegründet. Er führte sie allerdings bald in die Pleite. Persönlich war er danach dennoch saniert, denn es war ihm gelungen, seine Aktien rechtzeitig an einen Halbbruder von Osama bin Laden zu verkaufen, der übrigens zu diesem Zeitpunkt schon den Flughafen von Houston, Texas, besaß. Eine spätere Strafuntersuchung wegen des Verdachts eines Insidergeschäfts leitete ein enger Freund des Präsidenten, der das Verfahren niederschlug und anschließend zurücktrat. Danach sah sich George Bush jun. gezwungen, mit einem Zuverdienst von 120 000 Dollar jährlich als Berater des Ölunternehmens Harken Energy, an dem auch das saudische Königshaus mit 25 Prozent beteiligt ist, sein Auslangen zu finden. Vizepräsident Dick Cheney war bis zu seinem Amtsantritt Chef des weltgrößten Öl-Ausstattungsunternehmens Halliburton. Den Wiederumstieg in die Politik hatte ihm seine Firma mit einer „Abfertigung“ in der sagenhaften Höhe von 30 Millionen Dollar versüßt. Auch Halliburton war zu Cheneys Zeiten in ein Bilanzfälschungsverfahren verwickelt. Inzwischen wurde dieser von Ex-Außenminister Lawrence Eagleburger abgelöst. Dass der USVizepräsident von Halliburton übrigens auch heute noch pro Jahr rund 180 000 Dollar Honorar erhält, hat gewiss nichts damit zu tun, dass man sich etwa durch Cheneys politische Funktion bestimmte wirtschaftliche Vorteile erhofft. Der Umstand, dass die Firma Halliburton schon am 9. Februar 2003 – also rund sechs Wochen vor Kriegsbeginn – in großflächigen Anzeigen zusätzliches Personal für den Wiederaufbau-Einsatz im Irak gesucht hat, sei nur so nebenbei erwähnt. Ebenso, dass die Halliburton-Tochterfirma Kellog Brown & Root Inc. bereits am 6. März den ersten 500-Millionen-Dollar-Staatsauftrag zur Löschung und Sicherung jener Ölquellen erhielt, die durch den Krieg in Brand geraten würden. Der Krieg begann erst 14 Tage später. Inzwischen hat das staatliche Gesamtauftragsvolumen für die Cheney-Firma im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg die stolze Summe von 7 Milliarden Dollar erreicht. Auch US-Handelsminister Donald Evans war vor seiner Politikerkarriere Manager bei der Öl- und Gasgesellschaft Tom Brown; Condoleezza Rice, Chefin des Nationalen Sicherheitsrats der USA, kommt aus dem Ölkonzern Chevron; Handels-Staatssekretärin Cooper war Chefökonomin bei ExxonMobil; und Verkehrsminister Norman Mineta kommt aus dem Rüstungskonzern Lockheed Martin. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Außenminister Colin Powell waren ebenso wie Staatssekretär James Roche zuvor bei der Firma Gulfstream, einem Tochterunternehmen des Rüstungskonzerns General Dynamics, unter Vertrag. Und einer der Stellvertreter Rumsfelds, Heeresminister Thomas White, war zuvor Manager des Energieriesen Enron, der unter weltweitem Aufsehen pleite ging. White war ebenso wie andere Kabinettsmitglieder aus diesem Grund auch Objekt behördlicher Ermittlungen, zumal der Enron-Konzern neben dem Ölunternehmen Unicol zu jenen Firmen zählte, die die Präsidentschafts-Wahlkampagne von Bush mit den höchsten Geldbeträgen finanzierte. Für den Öl- und Energiekonzern Unicol, dessen Geschäftsinteressen in Afghanistan bekannt sind, ist in seinem Hauptberuf auch Zalmay Khalilzad beschäftigt, der vom Präsidenten 2001 zum Sonderbeauftragten für die „Demokratisierung von Afghanistan“ und im Vorjahr auch für den Irak bestellt worden ist. Ein Beratereinkommen aus dieser Firma bezieht im Übrigen auch Hamid Karsai, der von den USA so nebenbei in Afghanistan auch als Regierungschef inthronisiert worden ist. Diese Liste ließe sich fortsetzen. Eine amerikanische Journalistengruppe, die auf die Recherche und Aufdeckung von politischer Großkorruption spezialisiert ist, hat kürzlich festgestellt, dass insgesamt 40 Mitglieder der derzeitigen US-Regierung direkt entweder aus der Öl- oder der Rüstungsindustrie in ihre politischen Funktionen gelangt sind. Und als ob dies nicht bereits genügend Zündstoff wäre, hat jüngst sogar der ehemalige CIA-Operationsleiter Robert Steele in aller Öffentlichkeit festgestellt, dass insbesondere Präsident Bush jun. und Vizepräsident Dick Cheney „weit reichende Beziehungen zu kriminellen Organisationen unterhalten“. Das Ganze habe schon „das Ausmaß einer Mafia“ angenommen. Ein Krieg ist einfacher und „lustiger“ Wer freilich angesichts der Fakten auch weiterhin der Überzeugung
ist, dass Öl- und Rüstungsinteressen beim Irak-Krieg „keine
Rolle“ spielten, dem wird auch nicht zu denken geben, wenn er hört,
wie sich der ehemalige amerikanische Verteidigungs- und Energieminister
James Schlesinger zur Frage „Krieg um Öl“ geäußert
hat. Auf einem Kongress des Weltenergierats versuchte er den Delegierten
gegenüber zu begründen, warum in den USA das Bewusstsein
der Bevölkerung für die Notwendigkeit von Energiesparmaßnahmen
im Vergleich zu Europa so wenig ausgeprägt ist. Exminister
Schlesinger wörtlich: „Aus dem [ersten] Golfkrieg hat das amerikanische
Volk gelernt, dass es wesentlich einfacher und auch weitaus lustiger
ist, den Leuten im Nahen Osten in den Arsch zu treten, als selbst
Opfer zu bringen, um die Abhängigkeit Amerikas von Ölimporten
zu verringern.“
Die Weltbeherrschungsfantasien Tatsächlich aber wäre es, auch nach Burgers Analyse, noch zu kurz gegriffen, den wahren Grund für diesen Krieg nur in den drei Komponenten – Öl, Israel und Bushs pseudoreligiösen Fundamentalismus – zu sehen. Die entscheidenden Impulse für Amerikas neue Weltmachtpolitik entspringen den Gedanken einer zahlenmäßig kleinen, aber einflussreichen Clique von politischen Abenteurern und Intellektuellen mit Weltbeherrschungsfantasien. Erdacht wurden die Grundzüge der „Neuen Weltordnung“, die von Amerika nun zum Prinzip erhoben wurde, schon vor mehr als einem Jahrzehnt. Der Ölindustrielle und heutige US-Vizepräsident Dick Cheney war damals noch Verteidigungsminister im Kabinett des George Bush sen. Über seinen Auftrag entwarfen unter dem bescheidenen Titel „Defense Planning Guidance“ die beiden jüdischen Intellektuellen Paul Wolfowitz (heute stellvertretender Verteidigungsminister) und Lewis Libby (heute Stabschef des Vizepräsidenten im Weißen Haus) im Jahr 1992 die Grundzüge einer globalen Strategie zur Durchsetzung einer neuen Weltordnung mit dem Ziel einer dauerhaften Absicherung der USA als einziger Weltsupermacht. Die UNO wurde damals schon als obsolet erachtet, relevant nur insoweit sie sich als Rechtfertigungs- und/oder Vollzugsorgan der USA gebrauchen ließe. Die traditionellen Bündnisse seien ohne künftige Bedeutung und, je nach Bedarf, durch Ad-hoc- Koalitionen zu ersetzen. Notwendig sei vor allem auch eine stabile amerikanische Vormachtstellung in Eurasien, was mit einschließt, dass die Bestrebungen Europas zur Bildung einer politischen Union seitens der USA möglichst hintangehalten werden müssten. Und schließlich sollten die USA bereit sein, gegen alle Staaten, die sich der amerikanischen Vormachtstellung auf welche Art auch immer widersetzen, mit Präventivangriffen (einschließlich eines atomaren Erstschlags) vorzugehen. In den Folgejahren nahmen sich zahlreiche finanzkräftige Pressure Groups und Lobbyisten (vornehmlich aus der Öl- und Rüstungsindustrie), politisch einflussreiche Proponenten der fundamentalistischen „Christian Coalition“ sowie Vertreter der bedeutendsten US-Think-Tanks des Projekts von Wolfowitz und Libby an. Im Juni 1997 schließlich wurde das „Project for the New American Century“ (PNAC) geboren. Die Ziele des Projekts: die politische Machtübernahme im Weißen Haus sowie die Durchsetzung von Amerikas globaler Führerschaft. Die wichtigsten Mitglieder des PNAC bei seiner Gründung waren unter vielen anderen: William Kristol, PNAC-Vorsitzender und heute Berater von Präsident Bush; Richard Cheney, heute US-Vizepräsident; Lewis Libby, Cheneys Stabschef; Donald Rumsfeld, heute US-Verteidigungsminister; Paul Wolfowitz, Vizeverteidigungsminister; Richard Armitage, Vizeaußenminister; Richard Perle, Ex-Vizeverteidigungsminister und Chef des Defense Policy Board im Pentagon; Jeb Bush, Bruder des US-Präsidenten und Gouverneur von Florida; John Bolton, Staatssekretär für Rüstungskontrolle; Zalmay Khalilzad, Sonderbeauftragter des Präsidenten für den Kontakt zur irakischen Opposition. |
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Schon am 26. Jänner 1998 hatte die Projektgruppe den damaligen Präsidenten Clinton schriftlich zum finalen Schlag gegen den Irak gedrängt. Er unterblieb, weil ein UNO-Mandat auch damals nicht zu bekommen war. Die Begründung für die Notwendigkeit des Krieges gegen den Irak las sich 1998 übrigens noch so: Von Saddam Hussein drohe Gefahr für Israel und für die USA sowie „für einen bedeutenden Teil der Welt-Ölvorräte“. Die USA dürften sich durch die UNO nicht lähmen lassen. „Wir glauben“, hieß es in dem Brief an Clinton, „dass die Vereinigten Staaten das Recht haben, die nötigen Schritte, einschließlich militärischer, zu unternehmen, um ihre vitalen Interessen am Golf zu sichern“. Im September 2000 schließlich schloss die Projektgruppe im Auftrag von Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz und Libby eine Studie mit dem Titel „Rebuilding America’s Defenses“ ab. Detailliert wurde darin aufgelistet, „wie die globale US-Vorherrschaft erhalten, dem Aufstieg einer rivalisierenden Großmacht vorgebeugt und die internationale Ordnung gemäß amerikanischen Prinzipien und Interessen gestaltet werden kann“. Ein eigenes Kapitel war in dem Papier der Golfregion gewidmet, wo „die Präsenz einer substanziellen amerikanischen Streitmacht nötig“ sei, und zwar „unabhängig von der Frage des Saddam- Hussein-Regimes“. Vorgeschlagen wurden neben einer gewaltigen Aufstockung der US-Rüstungsausgaben und einer Transformation der US-Militärmaschine mit dem Ziel, in Hinkunft „zahlreiche größere Kriege gleichzeitig durchkämpfen und für sich entscheiden zu können“, insbesondere auch Maßnahmen zum „Heimatschutz“ („Homeland Defense“), von der herkömmlichen Kontrolle aller USStaatsbürger bis zur globalen Überwachung von Internet und Telekommunikation. Im Februar 2001 war es so weit: George Bush jun. wurde als Präsident der Vereinigten Staaten angelobt. Die Hintermänner des „Project for the New American Century“ hatten ihr erstes Ziel erreicht. Schritt um Schritt wurden in den nächsten Monaten die in der Wolfowitz-Doktrin festgeschriebenen Vorgaben umgesetzt und alle sicherheitsrelevanten internationalen Verträge und Abkommen aufgekündigt. Das Abkommen zum Verbot weiterer Atomwaffenversuche wurde ausgesetzt, eine bereits erteilte Zustimmung der USA zum Verbot der Produktion von Landminen wurde annulliert, die internationale Kontrolle hinsichtlich biologischer und chemischer Waffen wurde ab sofort blockiert und ein verbindliches Verbot verhindert, die USA traten aus dem Kioto-Klimaschutzabkommen aus und kündigten auch den ABM-Vertrag, der es Russland und den USA verboten hätte, einen „Raketenschutzschild“ zu errichten. Boykott des Internationalen Strafgerichtshofs
Besondere Bedeutung maß die neue US-Administration aber vor
allem auch dem über Betreiben von mehr als 150 Staaten, also fast
aller UNO-Mitgliedsstaaten, gegründeten Internationalen Strafgerichtshof
bei, der in Den Haag zur Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit,
von Völkermord und Kriegsverbrechen eingerichtet wurde.
Bush zog die Unterschrift seines Vorgängers zurück, und der
Internationale Gerichtshof wird von den USA nun boykottiert. Ähnlich
verhielten sich bemerkenswerterweise neben Israel ausschließlich
die bekannten „Schurkenstaaten“ Kuba, Libyen, Nordkorea und Irak.
Die USA gingen aber sogar noch einen entscheidenden Schritt weiter
und ließen im Sommer des Vorjahrs vom Senat ein eigenes Gesetz
verabschieden, das besagt: Sollte eines Tages trotz des US-Boykotts
vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ein amerikanischer
Staatsbürger unter Anklage gestellt werden, so wäre es
den USA erlaubt, „alle Verteidigungsmaßnahmen zum Schutz von
US-Bürgern“ zu ergreifen. Insbesondere sei auch „ein militärischer
Zugriff“ auf den Gerichtshof selbst legalisiert, was wohl nichts
anderes bedeuten würde als: Bomben auf Den Haag. Insgesamt
wurden sämtliche Prinzipien, die bisher international gegolten
haben und die auch die USA in den vergangenen 50 Jahren geleitet
haben, innerhalb weniger Monate vollkommen umgekehrt. Die UNO-Charta,
die keinen Angriffskrieg erlaubt, wurde als „obsolet“, das Völkerrecht
als „nicht mehr zeitgemäß“ erklärt. Die USA nahmen
das Recht für sich in Anspruch, jederzeit einen „Präventivkrieg“
führen zu dürfen, inklusive der Option, auch einen „atomaren
Erstschlag“ durchzuführen. Am 21. September 2002 wurde die neue
„Nationale Sicherheitsstrategie“ der USA zu einem offiziellen Dokument,
in dem es wörtlich heißt: „Wir werden nicht zögern,
wenn nötig allein zu handeln, um unser Recht der Selbstverteidigung
vorbeugend durch einen präventiven Erstschlag auszuüben.
Es wird jede Nation gewarnt. Der Präsident hat nicht die Absicht,
irgendeiner Nation zu erlauben, die große Überlegenheit
der USA aufzuholen, die sich seit dem Fall der Sowjetunion in mehr
als einem Jahrzehnt entwickelt hat.“ Die alte Weltordnung ist
damit endgültig Geschichte.
Die Katastrophe, die als „Katalysator“ dienen kann Als die Studie „Rebuilding America’s Defenses“ von Rumsfeld, Cheney,
Wolfowitz und Libby im September 2000 abgeschlossen worden war, hatte
es darin noch geheißen, dass der zur Absicherung der Weltvorherrschaft
Amerikas erforderliche militärische, gesellschafts- und sicherheitspolitische
Umwandlungsprozess „wahrscheinlich sehr lange dauern wird, es sei
denn, es träte ein katastrophales Ereignis ein, das als Katalysator
dienen könnte – wie ein neues Pearl Harbour“. Welch ein
glücklicher Zufall: Fast auf den Tag genau ein Jahr danach trat
das beschworene katastrophale Ereignis ein. Am 11. September 2001
erschütterte der Terroranschlag auf das Pentagon und auf das
World Trade Center in New York die Welt. US-Medien und Politiker
waren sehr rasch in der Analyse dieses schrecklichen Geschehens einig:
Die Katastrophe, die Amerika damit getroffen habe, stelle ein einmaliges
Ereignis in der Geschichte dieses Landes dar – vergleichbar höchstens
mit Pearl Harbour. Die „Katastrophe, die als Katalysator dienen
könnte“, wie sie Rumsfeld, Cheney, Wolfowitz und Libby und die
anderen Herren des „Project for the New American Century“ genau ein
Jahr zuvor zur rascheren Durchsetzung ihrer Ziele als notwendig
beschrieben hatten, war also da. Erstaunlich rasch waren in der Folge
die Identität der Terroristen festgestellt und als Drahtzieher
des Anschlags Osama bin Laden ausgemacht. Die Solidarität der
Welt und die Bereitschaft, Amerika in dem nun beginnenden notwendigen
Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu unterstützen,
waren uneingeschränkt und grenzenlos. Bereits sechs Tage
nach dem Angriff auf das WTC und auf das Pentagon unterzeichnete
George W. Bush einen Exekutivbefehl zur Vorbereitung des Krieges
gegen Afghanistan, dessen Taliban- Regime Osama bin Laden und seiner
Terroristengruppe Al-Qaida Unterschlupf gewährte. Ein
militärisches Vorgehen gegen den „Schurkenstaat“ Afghanistan
schien auch der Staatengemeinschaft und dem UNO-Sicherheitsrat eine
zu unterstützende Maßnahme zu sein: gerechtfertigt, angemessen
und für Amerika auch aus politisch-psychologischer Sicht nötig.
Die USA mussten in irgendeiner Weise reagieren. Derselbe Exekutivbefehl
enthielt jedoch noch einen zweiten Absatz, der zunächst geheim
gehalten wurde. Darin erteilte Bush den Auftrag, zugleich auch Szenarien
für die Möglichkeiten eines Krieges gegen den Irak auszuarbeiten.
Zwar hatten weder der Irak noch Saddam Hussein auch nur das Geringste
mit dem Terroranschlag in New York zu tun, aber die Gelegenheit schien
günstig. Wie hatte schon David Wurmser in seiner „Strategie
für Israel“ dem Präsidenten anlässlich seines Amtsantritts
ans Herz gelegt: „Man muss nach einer Krise Ausschau halten, denn
eine Krise kann ein Vorwand sein.“
So belog George W. Bush die Welt Der katholische Theologe Hans Küng warf der US-Regierung vor, sie habe „ein Lügengebäude von Orwell’schem Ausmaß aufgebaut, um einen völkerrechtswidrigen Krieg zu legitimieren“. Das ist nicht übertrieben. Richard Perle war einer der Ersten, der die Forderung erhob, es sei nun an der Zeit, auch Saddam Hussein zu stürzen, „weil er ein Symbol für die Missachtung westlicher Werte“ sei. Am 12. Oktober 2001, gerade fünf Tage nach Beginn des Afghanistan- Feldzugs, schloss sich auch George W. Bush dieser Meinung an. Der Krieg, erklärte er, dürfe nicht allein auf Al-Qaida und auf Afghanistan beschränkt bleiben. Auch Saddam Hussein sei „ein böser Mensch“. Ein Kriegsgrund, der auch allgemeine Anerkennung finden würde, musste jedoch erst gefunden werden. Einflussreiche Kräfte waren zu diesem Zeitpunkt freilich längst am Werk. Bereits am 18. September war in den USA ein auf den 11. September rückdatierter Brief mit Spuren des Milzbranderregers Anthrax aufgegeben worden. Es folgte im Verlauf des Herbstes eine ganze Serie solcher Anthrax- Briefe, und mehrere Menschen fanden dadurch auch den Tod. Nicht nur die Menschen in Amerika gerieten durch die mysteriösen Briefe mit der tödlichen Substanz in Angst und Schrecken, die Panik breitete sich innerhalb der nächsten Wochen auf die ganze Welt aus. Die „Anthrax-Lüge“ Es dauerte nicht lange, bis in den Medien der dringende Verdacht
auftauchte, hinter dieser Anschlagsserie könne nur ein Staat auf
dieser Erde stecken: der Irak, der ja nachweislich schon früher
Experimente mit dieser Biowaffe durchgeführt habe. Amerikas
Problem mit Saddam Hussein war damit höchst erfolgreich thematisiert.
Dass die Ermittlungen des FBI in Wirklichkeit in eine gänzlich
andere Richtung gingen, blieb weitestgehend unbekannt. Tatsächlich
stellten die US-Polizeibehörden fest, dass die in Umlauf gebrachten
Anthraxsporen keineswegs im Irak, sondern in einem US-Militärlabor
gezüchtet worden waren. Auch ein namentlich bekannter Mann geriet
unter dringenden Tatverdacht. Es handelte sich um einen US-Wissenschaftler
mit einer bemerkenswert dubiosen Vergangenheit, der in das US-Biowaffenprogramm
eingebunden war, über jahrzehntelange Kontakte zur CIA verfügte
und seinerzeit auch schon im Irak als „Waffeninspektor“ tätig
war. Sang- und klanglos wurden die Ermittlungen daraufhin eingestellt,
und es wird weder jemals eine Anklage noch ein Gerichtsverfahren
gegen den mutmaßlichen Täter und seine Hintermänner
geben. Am 26. November 2001 verlangte Bush erstmals die Wiederaufnahme
von Waffeninspektionen im Irak. Am 24. Jänner 2002 bezeichnete
der US-Präsident, obwohl UNO-Generalsekretär Kofi Annan
vor einer Ausweitung des „Krieges gegen den Terrorismus“ gewarnt
hatte, eine Militäroperation gegen den Irak als „eine mögliche
Option“. Am 30. Jänner schließlich fiel zum ersten Mal
das Zauberwort für den geplanten Krieg: George Bush rechnete
den Irak endgültig der „Achse des Bösen“ zu, weil er „nach
Massenvernichtungswaffen strebt“. Am 3. April 2002 wandten sich hingegen
wieder einmal 35 prominente Proponenten des „Project for the New
American Century“ mit einem Schreiben an „the Honorable George W.
Bush“. Zunächst wurde der Präsident zu seiner „couragierten
Führerschaft im Krieg gegen den Terrorismus“ beglückwünscht
und belobigt, um ihn danach eindringlich aufzufordern, nun auch
„Israels Politik im israelisch-palästinensischen Konflikt zu unterstützen“.
Es könne kein Zweifel bestehen, dass Israel und die USA einen
gemeinsamen Feind bekämpfen müssten. Der Plan der USA zur
Entmachtung Saddam Husseins müsse entschiedener vorangetrieben
werden, denn es sei erwiesen, dass der Irak das „Al-Qaida- Terrornetzwerk“
unterstütze. Der Brief endet mit den Worten: „Israels Kampf
ist unser Kampf. Israels Sieg wird ein bedeutender Teil unseres Sieges
sein.“ Unter den Unterschriften auf diesem Brief befand sich diesmal
neben jenen Richard Perles, Jeffrey Gedmins und all der anderen zum
Teil bereits bekannten Namen auch die von Ex-CIA-Chef James Woolsey,
für den nun im Nachkriegs-Irak der interessante Posten eines
„Informationsministers“ vorgesehen ist. Laut sagen mochte diesen
„Kriegsgrund“ freilich niemand. Vom Standpunkt eines Marketingstrategen
aus gesehen waren die angeblich drohenden „Massenvernichtungswaffen“
ohne jeden Zweifel vorzuziehen. Im Juli des Jahres 2002 war diesbezüglich
die Linie zwischen dem Pentagon und dem Weißen Haus endgültig
akkordiert. Donald Rumsfeld ging allerdings gleich einen verkaufspsychologisch
wichtigen Schritt weiter. Hatte Bush im Jänner noch erklärt,
dass der Irak „nach Massenvernichtungswaffen strebt“, so wusste der
Pentagon-Chef mittlerweile, dass ein Angriff auf den Irak und andere
Staaten, „die Massenvernichtungswaffen besitzen“, ein gerechtfertigter
Akt der präventiven Selbstverteidigung sei. Da nützte es
Saddam Hussein auch sehr wenig, dass er zur selben Zeit Hans Blix,
den Leiter des UNO-Waffeninspektorenteams, ganz offiziell nach Bagdad
zu technischen Gesprächen über eine allfällige Wiederaufnahme
der Inspektionen einlud, um seine Kooperationsbereitschaft zu beweisen.
Schließlich habe der Irak nichts zu verbergen, denn er besitze
schon seit langem keine Massenvernichtungswaffen mehr. Blix musste
ablehnen, denn es gab hiefür noch keinerlei Beschluss der UNO.
Im September 2002 bezeichneten die USA die UNO in der Irak- Frage
zum ersten Mal in aller Offenheit „als völlig überflüssig“,
notfalls würde man auch im Alleingang einen Krieg beginnen.
Vor allem der erstaunlich festen Haltung Frankreichs, Deutschlands
und auch Russlands war es zuzuschreiben, dass die USA zunächst
klein beigeben mussten und es am 8. November 2002 schließlich
doch zu der vom UNO-Sicherheitsrat verabschiedeten Resolution 1441
kam, mit welcher der Irak aufgefordert wurde, erneute Waffeninspektionen
zuzulassen. Fünf Tage später akzeptierte der Irak die UNO-Resolution
bedingungslos. Am 27. November reisten die UNO-Inspektoren im Irak
ein, und am 7. Dezember legte Saddam Hussein auftrags- und fristgerecht
einen 12 000 Seiten starken Bericht über alle seine Waffenprogramme
vor. Natürlich waren darin auch alle jene Projekte und Programme
aufgelistet, die der Irak in den Achtzigerjahren entwickelt hatte,
die ihm inzwischen verboten sind und die daher auch eingestellt beziehungsweise
unter UNO-Aufsicht schon in den Jahren 1991 bis 1996 vernichtet worden
seien. Penibel waren in diesen Kapiteln freilich auch alle jene Waffensysteme
angeführt, die der Irak insbesondere von den USA erhalten hatte.
Was mit diesem Bericht dann allerdings geschah, wirft auch ein bezeichnendes
Licht auf die Tatsache, wie sehr sich die UNO immer wieder als anscheinend
willenloser Büttel der USA missbrauchen ließ. Die Amerikaner
kassierten nämlich kurzerhand diesen Bericht mit dem Versprechen,
für jedes Sicherheitsratsmitglied eine Kopie anfertigen zu lassen.
Anschließend trennten sie fein säuberlich alle jene Teile
aus dem Konvolut heraus, die ihnen nicht genehm waren. Die eliminierten
Teile wurden von den USA unter Verschluss genommen, und weder der
Generalsekretär der UNO noch ein Sicherheitsratsmitglied bekam
diese jemals wieder zu Gesicht. Dafür warfen die USA dem
Irak anschließend vor, dass das vorgelegte Dossier lückenhaft
sei und daher ein schwer wiegender Verstoß gegen die Resolution
1441 vorliege.
Zauberwort: „Massenvernichtungswaffen“ Eifrig waren in der Zwischenzeit die UNO-Waffeninspektoren im Irak am Werk. Und immer lauter wurden gleichzeitig die Behauptungen der USA, dass der Irak über ein Riesenpotenzial an Massenvernichtungswaffen verfüge. Man sei schon lange im Besitz aller Beweise. Tatsächlich lieferte die CIA den Waffeninspektoren auch fast täglich neue brandaktuelle Hinweise darauf, wo die verbotenen Waffen überall versteckt seien. Hans Blix indessen resümierte: „Unter allen Orten, zu denen man uns geschickt hat, gab es nur drei, wo wir tatsächlich Waffen fanden – aber auch das waren keine illegalen Massenvernichtungswaffen.“ Das Einzige, was schließlich doch gefunden wurde, waren eine Hand voll (nicht verbotener) Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von 150 Kilometern, bei deren Überprüfung sich herausstellte, dass einige darunter möglicherweise doch um bis zu 30 Kilometer weiter fliegen könnten. Eine gewaltige Bedrohung für die USA. Doch um des lieben Friedens willen willigte Saddam Hussein am Ende doch freiwillig einer Zerstörung dieser Waffen durch die UNO zu. Am 27. Jänner dieses Jahres legten die UNO-Chefinspektoren Hans Blix und Mohamed el-Baradei ihren letzten Zwischenbericht über ihre Untersuchungen vor. Das (im wahrsten Sinn des Wortes diplomatische) Ergebnis: Es lägen keinerlei Beweise dafür vor, dass der Irak nach wie vor über Massenvernichtungswaffen verfüge. Allerdings habe der Irak bisher auch nicht beweisen können, dass er keine mehr besitzt. Preisfrage für Juristen: Wie beweist man, dass eine bestimmte Sache nicht vorhanden ist? Aber das war zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon längst ohne Bedeutung, wie auch Hans Blix rückblickend zugeben musste. „Wie auch immer das Ergebnis ausgesehen hätte“, sagt er, „nichts hätte die USA vom Krieg abgebracht.“ Tatsächlich ging es den USA schon lange nur noch darum, die für einen Krieg, der weder nötig noch nach dem Völkerrecht erlaubt sein würde, erforderliche Stimmung vor allem in der eigenen Bevölkerung, wenn möglich aber auch in der Weltöffentlichkeit herzustellen. Zu diesem Zweck war ja bereits ein Jahr zuvor, zu Jahresbeginn 2002, von Donald Rumsfeld in seinem Kriegsministerium ein Desinformationsbüro unter dem Namen „Office of Strategic Influence“ (OSI) errichtet worden. Das offen dargelegte Ziel dieser Institution: die Weltöffentlichkeit mit gezielten Falschinformationen und durch Verbreitung von Gerüchten zu beeinflussen, um US-freundliche Positionen zu erwirken. Dieses von Rumsfeld eingerichtete Büro erhielt sogar ganz offiziell die Befugnis, so genannte „schwarze Propaganda“ zu betreiben. Das US-Desinformationsbüro Man glaubt es nicht. Da hat sich in den Zeiten der kommunistischen Sowjetdiktatur die Welt mit Recht jahrzehntelang darüber alteriert, mit welch unglaublichen Methoden vom KGB mit seiner Desinformationsabteilung Politik betrieben wurde. Niemals hätte man gedacht, dass auch in einem angeblichen „Musterland für Freiheit und Demokratie“ genau dasselbe möglich wäre. Doch es spricht immerhin für ein paar mutige Medien in den USA, die den Skandal aufdeckten, dass Rumsfelds OSI noch im Vorjahr wiederum geschlossen werden musste. Seither arbeitet dieses „Büro“ anscheinend illegal. So wurde beispielsweise über Medien plötzlich (weltweit) das Gerücht verbreitet und auch in Österreich eilfertigst kolportiert, dass Geheimdiensterkenntnisse darüber vorlägen, wonach im Jahr 2001, kurz vor dem Anschlag auf das World Trade Center, in Tschechien ein geheimes Treffen zwischen einem irakischen Geheimdienstoffizier und Mohammed Atta, dem Anführer der WTC-Attentäter, stattgefunden habe. In Wahrheit fand, wie auch die tschechischen Behörden auf Anfrage jederzeit bestätigen, nicht nur kein Treffen Attas mit einem Iraker statt, Atta ist vielmehr in seinem ganzen Leben nie in Tschechien gewesen. Inzwischen wurde in Washington mit Einrichtungsbeschluss vom 21. Jänner 2003 eine neue, dem „Office of Strategic Influence“ weitgehend nachempfundene Institution geschaffen. Sie firmiert unter dem offiziellen Namen „Office of Global Communication“, ihr Sitz ist im Weißen Haus, und das Büro ist direkt dem Präsidenten unterstellt. Die erste Veröffentlichung trägt den Titel „Der Lügenapparat: Saddams Desinformation und Propaganda 1990 bis 2003“. Bisher war man in den USA in solchen Fällen („Wie vermittle ich einer skeptischen Bevölkerung die Lust auf einen Krieg?“) beinahe ausschließlich auf PR-Aktionen mit privatwirtschaftlichen Methoden angewiesen. Schon vor dem ersten Golfkrieg nach dem im August 1990 erfolgten Einmarsch der Iraker in Kuwait hatten die USA ein gewaltiges Problem zu überwinden. Zwar waren die Mitglieder des UNO-Sicherheitsrats damals weitgehend geneigt, den Angriff der USA, Großbritanniens und ihrer Verbündeten auf den Irak zum Zweck der „Befreiung und Demokratisierung Kuwaits“ gemäß dem Völkerrecht zu sanktionieren, und diese Militäraktion war zweifellos auch legitim, doch die Begeisterung ob des bevorstehenden Waffengangs war auch damals weder in der amerikanischen Bevölkerung noch in der übrigen Welt groß. George Bush sen. hatte sogar größte Mühe, seinen Kongress von der Notwendigkeit des Krieges zu überzeugen, zumal ja Saddam Hussein zu diesem Zeitpunkt noch als „Freund des Westens“ galt. Die Stimmung fing erst an zu kippen, als man der Öffentlichkeit zu vermitteln begann, was für ein blutrünstiger Diktator Saddam Hussein ist, und als plötzlich in den Medien zahlreiche Berichte über unglaubliche Grausamkeiten der irakischen Armee gegenüber der kuwaitischen Zivilbevölkerung auftauchten. Da waren plötzlich Videobänder da, die dem Betrachter eindringlich vor Augen führten, was in Kuwait geschah. Dutzendweise wurden im Rahmen solcher Dokumentationen Zeugen vorgeführt, die außerordentlich schockierende Berichte von den Folterungen wiedergaben, denen sie durch Saddam Husseins Truppen ausgesetzt gewesen sind. Am 10. Oktober 1990 wurde dem Menschenrechtsausschuss des US-Kongresses unter großer medialer Aufmerksamkeit schließlich eine Zeugin für ein ganz besonders verabscheuungswürdiges Verbrechen der Iraker präsentiert: ein 15 Jahre altes Mädchen mit dem Namen Nayirah, die als Hilfskrankenschwester im kuwaitischen Addan-Hospital Dienst tat. Schluchzend und von Weinkrämpfen geschüttelt, berichtete das junge Mädchen, wie es mit eigenen Augen mitansehen habe müssen, wie eine Horde von irakischen Soldaten in die Babyabteilung des Spitals gestürmt sei, die Neugeborenen aus den Brutkästen gerissen worden seien und wie die Soldaten sie dann auf den Boden geworfen und sie dort hätten sterben lassen. „312 getötete Kleinkinder klagen an“ Später tauchte auch von diesem Vorfall eine Videodokumentation auf. Und Präsident George Bush sen. erwähnte die Geschichte bei jedem seiner Auftritte, immer und immer wieder, und er fügte auch hinzu, dass insgesamt allein an diesem Tag 312 Säuglinge getötet worden seien. Auch amnesty international nahm den grauenvollen Vorgang am 19. Dezember 1990 einschließlich der Anzahl von 312 getöteten Kleinkindern in seinen internationalen Bericht auf. Die erschütternde Zeugenaussage der jungen Krankenschwester Nayirah ging naturgemäß rund um die Welt und rüttelte die Öffentlichkeit auf. An der Notwendigkeit des Krieges gegen den Irak zweifelte nun niemand mehr. Erst als der Krieg schon längst vorbei war, kam die Wahrheit ans Tageslicht: Nayirah war nie als Krankenschwester im Addan- Hospital beschäftigt. Sie war vielmehr die Tochter von Saud Nasir al-Sabah, dem kuwaitischen Botschafter in den USA, und die herzzerreißende Geschichte war von A bis Z erfunden. Auch die Bilddokumentationen waren Fälschungen, die „Augenzeugen“ für die Grausamkeiten der Irakis wurden von Schauspielern dargestellt. Das Ganze war Teil einer groß angelegten PR-Aktion, „um der militärischen Befreiung Kuwaits Nachdruck zu verleihen“, in Auftrag gegeben für ein Gesamthonorar in Höhe von 10 Millionen US-Dollar von einer Personengruppe, die sich „Citizens for a free Kuwait“ nannte. Auftragnehmerion und Organisatorin der Aktion war die PR-Agentur Hill & Knowlton, deren Geschäftsführer Craig Fuller hieß. Zuvor war Fuller als Stabschef von George Bush im Weißen Haus beschäftigt. Wegen des durchschlagenden Erfolgs von 1990 wurde auch zur Inszenierung des aktuellen Krieges ein „Committee for the Liberation of Iraq“ gegründet. Ihm gehörten neben Richard Perle, James Woolsey und anderen PNAC-Mitgliedern auch wichtige Politstrategen aus dem Umfeld der US-Administration sowie zahlreiche Militärs und Waffenhändler an. Ab dem Jahresbeginn 2003 verging praktisch kein Tag mehr, an dem sich nicht George W. Bush persönlich oder sein europäischer Statthalter Tony Blair an die Öffentlichkeit wandte, um der Welt „die schreckliche Realität der vom Irak ausgehenden Gefahr“ zu schildern und unter dem Motto „So quält Saddam sein Volk“ insbesondere auch „die Gräueltaten des irakischen Regimes“ (Folter durch „Kreuzigungen“ und „Salzsäurebäder“) in immer drastischeren Farben darzustellen. Auch Zeugen wurden in Pressekonferenzen wieder präsentiert. Eine junge Frau etwa, die schluchzend den Brief einer in einem irakischen Gefängnis inhaftierten Freundin vorlas, in dem diese die fürchterlichsten Folterqualen schilderte, denen sie täglich ausgesetzt sei. Den Brief habe ihr die Freundin direkt aus der Haftanstalt (!) geschickt. „Wir wissen“, erklärte Bush etwa in einer Radioansprache, „dass Dissidenten im Irak gefoltert und verhaftet werden, manchmal verschwinden sie auch einfach. Ihre Hände, Füße und Zungen werden abgeschnitten, ihre Augen ausgestochen, und weibliche Verwandte werden in ihrer Gegenwart vergewaltigt.“ Ein anderes Mal berichtete der US-Präsident: „Wir haben gestern von einem Mann gehört, dem die Zunge herausgeschnitten und der an einem öffentlichen Platz an einen Pfosten gefesselt wurde. Er ist verblutet. So hält sich Saddam Hussein an der Macht.“ Aber das Regime in Bagdad sei nicht nur „mörderisch“, „grausam“ und „brutal“ zur eigenen Bevölkerung, sondern es stelle auch eine akute Gefahr für seine Nachbarn, für die USA und für Europa dar. Saddam Hussein sei gefährlicher, als Hitler oder Stalin gewesen sei. Auch Tony Blair berichtete im britischen Parlament, dass der „durch und durch verdorbene Saddam Hussein keine 45 Minuten“ benötige, „um seine chemischen und biologischen Waffen einzusetzen“. Die Gefahr, die vom Irak ausgehe, sei „unmittelbar und real und bedroht die britische Nation“. Da wollte George W. Bush keineswegs nachstehen und legte noch „ein Schäuferl“ nach: Millionen von Menschenleben habe Saddams Regime bereits gefordert. Und nun bedrohe er mit seinen Massenvernichtungswaffen, mit seinem ungeheuer großen Arsenal an chemischen und bakteriologischen Kampfstoffen die ganze Welt. Fünfhundert Tonnen der verschiedenen Giftstoffe seien es, die der Irak besitze, und man müsse jeden Tag darauf gefasst sein, dass er sie auch einsetzt. Irakische Langstreckenraketen könnten überdies ohne Probleme auch die Westküste der USA erreichen, und es würde „nur noch wenige Wochen dauern, bis Saddam Hussein in der Lage sein wird, diese Raketen auch mit Atomsprengköpfen zu bestücken“. Die Beweise der US-Regierung Die Beweise für alle diese Aussagen legte US-Außenminister Colin Powell am 5. Februar 2003 dem UNO-Sicherheitsrat vor: Da war zunächst ein umfangreicher Bericht, der vom britischen Geheimdienst MI6 erstellt worden war und den Tage zuvor schon Tony Blair teilweise veröffentlichen ließ. Der Titel dieser hochbrisanten Studie: „Der Irak und seine Infrastruktur der Hintergehung, Täuschung und Einschüchterung“. Dann kamen die vor allem von der CIA beigesteuerten USEigenleistungen an die Reihe: unscharfe Satellitenaufnahmen, auf denen Lastwagen („Dekontaminationsfahrzeuge“), ein Fabrikgebäude mit Ventilatoren auf dem Dach („Beweis für eine Chemiewaffenproduktionsanlage“) sowie „fahrbare Chemiewaffenlabors“ zu erkennen sind, weiters „Augenzeugenberichte“ eines geflüchteten irakischen Chemieingenieurs und schließlich zwei Tonbandmitschnitte abgehörter Telefongespräche, auf denen man zum Beispiel die Stimme eines Mannes hört, der sagt: „Wir haben alles evakuiert. Hier ist nichts mehr.“ Von weitaus größerer Brisanz hingegen war ein weiteres Dossier, das der US-Regierung von einem „befreundeten Geheimdienst“ zur Verfügung gestellt worden war und mit dessen Hilfe (Briefe, Rechnungen, Transportlisten) sich „zweifelsfrei nachweisen“ ließ, dass der Irak im Zeitraum 1998 bis 2000 aus dem afrikanischen Niger riesige Mengen an Plutonium zur Komplettierung seines Atomwaffenprogramms bezogen hat. Weltweit berichteten die Medien in großer Aufmachung von den nun schwarz auf weiß vorliegenden „zentralen Beweisen“ für die akute Gefahr, die vom irakischen Regime ausgehe. Auch in Österreich waren die kriegstrunkenen Medien begeistert, und Außenministerin Ferrero-Waldner mochte sich die Behauptung nicht verkneifen, dass Powells Beweise für die Notwendigkeit eines raschen Angriffskriegs gegen den Irak „sehr beeindruckend“ gewesen seien. Kaum Beachtung fand hingegen die Tatsache, die sich schon bald herauszustellen begann, dass dies alles nämlich wieder einmal nur eine von der US-Regierung bis ins Detail geplante Kampagne zur vorsätzlichen Irreführung der eigenen Bevölkerung und eine groß angelegte Inszenierung war. Längst ist in der Zwischenzeit bekannt, dass der „brandaktuelle britische Geheimdienstbericht“ in Wahrheit weder brandaktuell war noch auf tatsächlichen Ermittlungen beruhte, sondern im Wesentlichen aus zwei nicht nur odiosen, sondern auch uralten Quellen stammte. Einen wesentlichen Teil hatte der Journalist Sean Boyne verfasst und schon im Jahr 1997 in „Janes Intelligence Review“ veröffentlicht. Die restlichen zehn Seiten waren gar bereits zwölf Jahre alt und wortwörtlich inklusive aller Rechtschreibfehler von einem Aufsatz abgeschrieben, den der irakischstämmige US-Student Ibrahim al-Marashi im Rahmen seines Studiums verfasst hatte und den er später auch ins Internet gestellt hat. Die britischen Geheimdienstspezialisten hatten an der Studentenarbeit lediglich an ein paar Stellen ein paar „dramaturgische“ Veränderungen vorgenommen. So hatte es im studentischen Originaltext noch geheißen, Saddam Hussein habe „im Ausland oppositionelle Gruppen unterstützt“. In der geheimdienstlichen Überarbeitung hieß es dann, Saddam Hussein habe „im Ausland terroristische Vereinigungen unterstützt“. Alle Dokumente waren gefälscht Der vorgelegten „CIA-Beweise“ nahmen sich die UNO-Waffeninspektoren an: Die „Dekontaminationsfahrzeuge“ entpuppten sich als durchaus brauchbare Feuerwehrfahrzeuge, die „fahrbaren Chemiewaffenlabors“ waren Einrichtungen zur Lebensmitteluntersuchung, und die „Chemiewaffenproduktionsstätte“ stellte sich als simple Brotfabrik heraus. Und das brisanteste Dossier, das mutmaßlich vom israelischen Geheimdienst stammte und das die „Plutoniumankäufe des Irak“ unwiderlegbar zu beweisen schien, hielt einer kurzen Überprüfung durch die Internationale Atomenergiebehörde ebenfalls nicht stand. Die von der US-Regierung vorgelegten Dokumente waren allesamt – von den Unterschriften bis zu den Briefköpfen – gefälscht. An der Überzeugung jener, die trotzdem partout glauben wollten, dass der Irak mit seinen Massenvernichtungswaffen die gesamte Welt bedroht, änderte dies freilich wenig. Denn um die Inszenierung noch zu komplettieren, wurde zusätzlich zur gleichen Zeit sowohl in den USA als auch in Großbritannien wegen eines „möglicherweise unmittelbar bevorstehenden Terrorangriffs“ Alarmstufe „Orange“ gegeben. In London ebenso wie in New York und anderen US-Metropolen fuhren an Flughäfen und vor wichtigen Gebäuden Panzer auf, schwer bewaffnete Einheiten patrouillierten in den Straßen, und Black-Hawk-Hubschrauber kreisten über der Stadt. Die amerikanische Bevölkerung wurde über Fernsehen und Radio von Regierungsstellen aufgerufen, Schutzmaßnahmen zu ergreifen: Wasser- und Lebensmittelvorräte anzulegen, „Sicherheitsräume“ einzurichten, Taschenlampen, Batterien, Plastikfolien und Klebebänder einzukaufen, um damit Türen und Fenster abzudichten. Und tatsächlich griff die allgemeine Paranoia, von den Massenmedien angestachelt, rasch um sich: In Ämtern, Schulen und Firmen wurden Evakuierungspläne ausgegeben, und die Geschäfte boten um 600 Dollar „Überlebenspakete“ an – inklusive Gasmaske und Schutzanzug. Dass in diesem Klima der Angst in den USA laut Umfragen schließlich 88 Prozent aller Bürger zur Überzeugung kamen, dass Osama bin Laden und sein Terrornetzwerk Al-Qaida vom Irak unterstützt würden, verwundert nicht. Und immerhin noch eine knappe Mehrheit von 51 Prozent aller Amerikaner glaubte im Februar 2003 auch felsenfest daran, dass Saddam Hussein persönlich den Befehl gegeben habe, den Terroranschlag auf das World Trade Center durchzuführen. So konnte sich George W. Bush denn auch im Einklang mit dem Wunsch einer satten Mehrheit der Amerikaner fühlen, als er am 19. März 2003 verkündete: „Das amerikanische Volk und unsere Freunde und Verbündeten werden nicht von der Gnade eines Verbrecherregimes abhängig sein, das die Welt mit Massenvernichtungswaffen bedroht. Wir werden dagegen jetzt vorgehen.“ Dass es danach, was nun alle sehr glücklich macht, nur ein paar Wochen dauern sollte, bis Saddams Regime vernichtet war, war weder eine Überraschung noch ein Wunder. Schließlich hat hier eine Supermacht mit ihrer Hightech-Kriegsmaschinerie ein Land vernichtet, das verarmt und ausgeblutet war und auch militärisch eben nicht die Gefahr darstellte, die man der Welt vorlog. Weder verfügte der Irak über jene Massenvernichtungswaffen, derentwegen dieser Krieg angeblich geführt werden musste, noch besaß er die behaupteten Atomraketen, die „bis Berlin, London und New York, ja selbst bis zur US-Westküste reichen würden“. Er besaß in Wahrheit gar nichts, was einer Bedrohung gleichkam, nicht einmal eine halbwegs funktionierende Armee. Die Luftwaffe des Irak beschränkte sich auf knapp einhundert einsatzfähige Uralt-Flugzeuge und ein paar hundert mehr als dreißig Jahre alte Panzer. Und dass man mit Granatwerfern, mit Handgranaten und Kalaschnikows gegen Missiles und die größte Bomberflotte dieser Welt nichts ausrichten kann, leuchtete wohl auch „Saddams gefürchteter Kampftruppe“ ein. Auch dass durch diesen Krieg „fast keine Opfer“ zu beklagen waren, begeistert die Kriegsfreunde ungemein. Was sind schon die (nach bisher vorliegenden Zahlen) rund 3000 durch „fehlgeleitete“ Raketen getöteten Zivilpersonen, hauptsächlich Frauen und Kinder, die zerstückelt und denen Köpfe und Gliedmaßen abgerissen worden sind? Was gelten schon die noch einmal 6000 bis 7000 Schwerverletzten und alle jene, die noch sterben werden? Es ist richtig: Von den angloamerikanischen Soldaten kamen höchstens ein paar hundert um, ein guter Teil davon durch „friendly fire“. Von der Anzahl der getöteten irakischen Soldaten hingegen spricht man nicht. Es werden wohl mehr als 10 000 gewesen sein. Genaue Zahlen kennt man nicht. „Wir sind ja keine Leichenzähler“, hat General Tommy Franks einmal auf Anfrage gesagt. Gehörte George W. Bush also, so die abschließende Frage, trotz dieses „fulminanten Sieges“ vor ein Kriegsverbrechertribunal? Der deutsche CSU-Abgeordnete Peter Gauweiler gibt sich da beispielsweise keinen Illusionen hin. Aber er würde sich durch den Internationalen Strafgerichtshof zumindest die Klarstellung erhoffen, dass die USA und Großbritannien „für die Folgen dieses Krieges dem Volk des Irak zu Schadenersatz verpflichtet sind“: „Wenn nicht alle Rechtsgrundsätze, die von den Kulturvölkern anerkannt werden, vor die Hunde gehen sollen, müssen die Völker Europas, muss die ganze Welt auf einer solchen Klarstellung bestehen.“ Hans Pretterebner
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obiger Beitrag erschien auch in der Monatszeitschrift Standpunkt