Zeit für die Wahrheit Während noch Bilder der sadistischen sexuellen Erniedrigungen von Irakern im Gefängnis Abu Ghraib auf den Titelseiten erscheinen ist es nicht zu früh, einige Schlußfolgerungen zu ziehen.
Die Stunde der Neokonservativen ist vorbei. Das ganze Geschwätz von "Imperium", "Einmalige Gelegenheit", "Pax Americana" und "Wohlwollende globale Hegemonie" wird stillschweigend beiseite gelegt und als kindisches Geplapper vergessen werden.
Die USA wird nicht für fünf oder zehn Jahre einen Krieg im Irak führen. Wir werden auch in nächster Zeit keine neue Invasion starten. Der Rückzug des Amerikanischen Imperiums, begonnen vor Fallujah, ist in vollem Gange.
Mit einem 500 Milliarden Dollar Defizit haben wir nicht mehr das Geld für neue Kriege. Mit einer weit zerstreuten Armee von 480 000 haben wir nicht die Truppen. Mit den Verlusten eines Bataillons an Toten und Verwundeten im April und Mai werden wir nicht den Preis zahlen. Mit den schmutzigen Bildern von Abu Ghraib haben wir nicht länger die Autorität unsere "Werte" dem Irak aufzuzwingen.
Die "Demokratische Weltrevolution" von Bush ist Geschichte.
Bei dem Haß auf die USA und Bush in der arabischen Welt, wie es Ägyptens Hosni Mubarak bezeugte, ist es illusorisch zu glauben, daß die arabischen Völker der Führung der USA folgen werden.
Es ist Zeit für die Wahrheit. In jedem Guerillakrieg den wir führen wird es einen ständigen Strom von Toten und Verwundeten US-Bürgern geben. Es wird Kollateralschäden geben - d. h. tote und verstümmelte Frauen und Kinder. Gefangene werden mißhandelt werden. Und es werden unweigerlich Gewalttätigkeiten von US-Truppen verübt werden, wenn sie empört über den Tod von Kameraden oder über den Jubel einer feindseligen Bevölkerung sind. Solches ist mit der Okkupation eines Landes zu erwarten, wenn man ein Imperium haben will. Wenn man nicht bereit ist diesen Preis zu zahlen, soll man es aufgeben.
Der Schock und die Paralyse der Regierung nach der Publikation der S&M Photos von Abu Ghraib zeigen uns, daß wir nicht darauf vorbereitet sind. Denn was im Irak geschehen ist, ist ein Kinderspiel im Vergleich zu dem was vor hundert Jahren in den Philippinen geschehen ist. Nur hatten sie damals keine Digitalkameras, Videokameras und das Internet.
Der Irakkrieg war unnötig und kann als einer der größten Fehler in die Geschichte der USA eingehen. Daß die Invasion war hervorragend geplant und durch General Franks ausgeführt wurde, daß unsere Soldaten die besten waren, die wir jemals in den Krieg geschickt haben, daß sie gute Taten und mutig riskante Aktionen durchführten ist unbestreitbar. Jedoch, wenn neueste Umfragen korrekt sind, wollen uns die Iraker nicht mehr länger dorthaben.
Außerhalb des Kurdengebietes sehen uns 80 % der Sunniten und Shiiten als Okkupanten an. Über 50 % glauben, daß es Situationen gibt, in denen es US-Soldaten verdienen, getötet zu werden. Die Freudentänze rund um jedes zerstörte Militärfahrzeug sollte uns zeigen, daß der Kampf um Herzen und Verstand der Iraker verloren ist.
Warum sind wir im Nahen Osten so verhaßt ? Es gibt drei grundlegende Gründe:
1) Unsere Invasion des Irak wird als vorsätzlicher und ungerechter Krieg angesehen, um eine schwache arabische Nation zu zerstören, die uns nicht bedroht oder attackiert hatte, und deren Öl wir uns aneignen wollten.
2) Wir werden als arrogante imperialistische Supermacht angesehen die den arabischen Völkern diktiert und die Regime unterstützt, die die Araber unterdrücken.
3) Wir werden als der Finanzierer und Bewaffner Israels angesehen, das den Palästinensern ihr Land raubt und ihnen Rechte verweigert, die wir heuchlerisch der Welt predigen.
Solange wir nicht auf diese Einstellungen und die Ursachen des Konfliktes zwischen uns eingehen, werden wir die arabische Welt nicht überzeugen, uns zu folgen.
Was soll Bush jetzt machen ? Er soll erklären, daß die USA keine Absicht hat, ständige Stützpunkte im Irak einzurichten und daß wir beabsichtigen, nach den Wahlen alle US-Truppen aus dem Irak abziehen werden, wenn uns die Iraker sagen, wir sollen gehen. Dann sollen wir zu einem möglichst frühen Zeitpunkt in diesem Jahr Wahlen ansetzen.
Dann sollen wir den Völkern des Irak sagen, daß die Soldaten der USA nicht ewig für ihre Freiheit kämpfen und sterben werden. Wenn sie nicht von Sheik Moqtada al-Sadr oder einem zukünftigen Saddam regiert werden wollen, sollen sie selbst dafür kämpfen. Andernfalls werden sie mit ihnen zu leben haben, so wie sie mit Saddam lebten. Denn letzten Endes ist es ihr Land, nicht unseres.
Der Präsident sollte ebenfalls jedem arabischen Land, das das wünscht, den Abzug der US-Truppen anbieten. Wir sind bereits aus Saudi-Arabien abgezogen. Laßt uns auch aus den übrigen Ländern abziehen, wenn sie uns nicht bitten zu bleiben. Es scheint, daß unsere militärische Präsenz in diesen arabischen bzw. islamischen Ländern weniger die Terrorattacken gegen uns verhindert als sie vielmehr anzustacheln.
Während eines Präsidentschaftswahlkampfes sollte eine gründliche Debatte über die Außenpolitik geführt werden, darüber ob wir US-Truppen in der ganzen Welt stationieren wollen oder ob wir sie nachhause bringen und andere Nationen selbst ihr Schicksal bestimmen sollen. Unglücklicher Weise haben wir zwei Kandidaten und Parteien, die in der gegenwärtigen offensichtlich falschen Außenpolitik übereinstimmen.
[11. Mai 2004]
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