Schulhof-CD im Konfettiregen

In Cottbus (Brandenburg) gab es auf dem größten Karnevalszug in Mitteldeutschland mit mehr als 120 000 Schaulustigen eine Aufklärungsaktion durch rechte Aktivisten.

Tausende Menschen sind am 6. 2. 2005 den Aufrufen der Medien gefolgt und haben sich in der Innenstadt von Cottbus eingefunden, um als Teilnehmer oder Besucher des Cottbuser Karnevals zu zeigen, daß es uns Deutschen noch viel schlechter gehen könnte. Ausgelassen und alkoholisiert feiern sich die Akteure selbst, während die Masse gaffend am Straßenrand steht und hofft, möglichst viele der überlagerten Süßigkeiten und anderen mehr oder minder wertvollen Geschenke abzufassen.

Die junge Mutter mit der Zigarette in der Hand schimpft mit ihrer Tochter, weil diese versäumt hat, die Bonbons vor ihren Füßen in den mitgebrachten ALDI-Plastiksack zu stecken. Eine ältere Dame war schneller und kippt einen ganzen Regenschirm voller Süßwaren in die schon prall gefüllte Tüte. Alte und junge Brandenburger ertränken ihre Sorgen um Arbeits- oder Ausbildungsplätze in Glühwein oder Schnaps und rufen fröhlich Helau. Die Politprominenz auf den Ehrenplätzen lächelt beim Anblick satirischer Kunstwerke über Hartz IV - man weiß, daß der Protest gegen ihre Umtriebe genauso ernst gemeint ist wie alles, was an diesem Tag geschieht. Aber nicht alle Besucher des lustigen Treibens sind hier, um sich vom tristen Alltag ablenken zu lassen.

Bunt bekleidet durchstreift eine Gruppe Widerstandskämpfer die überfüllten Straßenränder und erweckt durch ihre originelle Maskierung schnell wohlwollendes Interesse bei vielen Jugendlichen. Diese nehmen nach ein paar scherzhaften Worten dankend eine CD entgegen - eines von vielen Geschenken an diesem Nachmittag. An einer Kreuzung sichern drei Polizisten den Verkehr und winken gut gelaunt den CD-Boten zu. Auf dem Dach ihres Streifenwagens steht eine Sektflasche. Es riecht nach den Zigaretten, welche kaum 20 Meter neben den Ordnungshütern von zwei 12jährigen Jungen konsumiert werden. Auch diesen steckt ein humorvoll maskierter Widerstandskämpfer die CDs zu. Ein älterer Herr ist sichtlich genervt, als sein Enkel ebenfalls einen Tonträger erhält. Doch es ist nicht die befürchtete Reklame, und auch der, der ein kostenloses Werbe-Computerspiel vermutet hat, wird überrascht: Es handelt sich um die Fortsetzung einer schon im Dezember 2004 begonnenen Aktion. Die in den Medien lautstark umworbene Schulhof-CD, die unlängst Besuchern des Cottbuser Weihnachtsmarktes durch den Weihnachtsmann persönlich überreicht wurde, sollte abermals ihren Weg zur Zielgruppe finden.

Da verbotene Früchte bekanntlich am besten schmecken, findet die CD großen Anklang bei den Jugendlichen, die sich auch durch die Hetzkampagne der Systempresse nicht abschrecken ließen. Zwar kann es sich beim Hören nationaler Rockmusik nur um einen Anfang und keineswegs um einen politischen Erfolg handeln, doch in wie vielen Kameraden sind durch Musik erst die Gefühle erweckt worden, die inzwischen das Fundament ihres Weltbildes darstellen? Artfremde Klänge und abstoßende Texte in jeder erdenklichen medialen Form begleiten die deutsche Jugend rund um die Uhr und sollen auch den letzten Funken instinktiver Vernunft ersticken. Wie dankbar ist da der Geist über eine erfrischende Abwechslung, die im brennenden Haus aus gesellschaftlicher Verblödung und politischer Unvernunft den Weg zum Notausgang zeigt!

ggsobb@yahoo.com
http://www.ggsobb.tk/

[7. Februar 2005]

< Chronik
 
Schulhof-CD unterm Weihnachtsbaum

Sonnabend, 18. Dezember 2004. Der Duft von gerösteten Mandeln und allerlei Süßem liegt über dem Cottbuser Weihnachtsmarkt. Trotz der am Rande knienden Bettler scheint hier eine heile Welt zu sein. Zu groß sind die Verlockungen der Volksdroge Konsum. Das Konzept geht auf. Gedanken an das kommende Jahr, den sozialen Abstieg, Gedanken an den Terror der Gedankenpolizei oder den nahenden Volkstod hat hier niemand - fast niemand.

 Fröhliche Kinderstimmen mischen sich in die Weihnachtsmusik: "Der Weihnachtsmann, der Weihnachtsmann ist da!" Mit der Mutter an der Hand gehen sie ehrfürchtig auf ihn zu, tragen stolz ihr Gedicht vor oder singen ein Lied. Mit großen Augen beobachten sie ihn beim Öffnen des schweren Sacks. Ein wenig überrascht, aber dennoch erfreut, nehmen sie den Apfel als Belohnung entgegen.

Eine Gruppe Jugendlicher wirkt irritiert, als der Mann mit dem roten Mantel und der bunten Maske auf sie zugeht. Sie lachen, machen Späße. Nach kurzer Zeit bricht das Eis und sie singen gemeinsam mit ihm Lieder. Wieder greift er in seinen großen Sack. Diesmal jedoch ist es kein Apfel, der sie belohnen soll. Jeder von ihnen bekommt eine CD, welche im Sommer für große Aufregung unter den Herrschenden gesorgt hat - die "Schulhof-CD".

 Hintergrund der Aktion

 Im Frühjahr 2004 warnte die BRD-Regierung vor der "Aktion-Schulhof", bei der die CD "Anpassung ist Feigheit" an Jugendliche frei verteilt werden sollte. Nachdem der demokratische Nachhilfeunterricht in Form von Fortbildungen, Konferenzen, Aufklärungs-CD-Rom's und Broschüren scheinbar seine Wirkung verfehlte, beschlagnahmte man die CD mit der Begründung, sie sei "offenkundig schwer jugendgefährdend" (Jürgen Konrad, Generalstaatsanwalt von Sachsen-Anhalt).

Während der Durchschnittsbürger glaubt, er sei frei, weil er niemals einen abweichenden Gedanken hatte und die Reaktion des Systems darauf nicht kennt, haben es sich an diesem Tag ausgerechnet Weihnachtsmänner zur Aufgabe gemacht, deutschen Jugendlichen eine Entscheidungshilfe zur Meinungsbildung zugänglich zu machen.

Eine Meinung, eine Überzeugung kann weder jugendgefährdend noch kriminell sein!

ggsobb@yahoo.com

[22. Dezember 2004]

 < Chronik